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„Sie argumentieren mit dem unscharfen Begriff Geldvermögen“

21. April 2017 von in Gastbeitrag | 1 Kommentar

Lieber Herr Brichta,

nach unserem angenehmen Gespräch und erneutem Lesen Ihrer Stellungnahme zu meiner Kritik Ihres Buchs habe ich den Eindruck, dass wir uns oft missverstehen und aneinander vorbei reden. Das ist zum Teil die Folge der Unklarheit, Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Unvollständigkeit und Komplexität des heutigen Geldsystems. Es liegt aber auch daran, dass wir mit vielen Begriffen unterschiedliche Inhalte verbinden.

So argumentieren Sie mit dem unscharfen Begriff „Geldvermögen“ (ohne Aktien) ohne sich genau festzulegen, ob das Giralgeld und das Zentralbankbuchgeld Zahlungsmittel oder Forderungen auf Zahlungsmittel sind. Auf die ambilvalente Eigenschaft des Giral- und Buchgeldes, zugleich Zahlungsmittel und Zahlungsverpflichtung zu sein, gehen Sie sich nicht weiter ein, obgleich nach meinen Erkenntnissen genau daraus die grundlegenden Probleme und die Rechtsunsicherheit des heutigen Geldsystems resultieren.

Bei undifferenzierter Betrachtung allein des Geldvermögens statt der Summe aller Vermögenswerte (Geld, Forderungen, Aktien, Unternehmensanteile, Immobilien, Sachvermögen, Rechtsgüter u.a. abzüglich Schulden) bleibt die enge Kopplung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft unberücksichtigt. So können Geldforderungen statt durch Geld durch Übertragung oder Verkauf von Immobilien, Aktien, Gold oder anderer Sachwerte beglichen werden. Dadurch sinkt das Geldvermögen ohne dass sich der Zahlungsmittelbestand verändert. Auch Preisverfall oder Ausfälle von Wirtschafts- und Finanzgütern, mit denen Forderungen besichert sind, können zum Rückgang des Forderungsbestands und damit zu einem des Absinken des Geldvermögens führen. Beim Verkauf einer Immobilie oder anderer Sachwerte an eine Bank wird neues Giralgeld erzeugt ohne dass sich der Forderungsbestand ändert. (Eine Darlegung der zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft würde den Rahmen dieser Korrespondenz sprengen / s. Fußnote)

Daher ist auch Ihre Begründung des „Wachstumszwangs“ für mich nicht nachvollziehbar. Es ist unklar, ob sich Ihre Aussagen auf die „Geldmenge“ beziehen (M0,M1,M2 oder M3 ?), auf das „Geldvermögen“, auf das Gesamtvermögen oder auf das BSP. Offen ist auch, ob Sie einzelne Wirtschaftseinheiten, bestimmte Aggregate, wie Haushalte, Unternehmen, Banken und Staat, oder die Gesamtwirtschaft betrachten. So hat Japan in den letzten 25 Jahren nahezu ohne Inflation kein reales BSP-Wachstum gehabt, während sich die Geldmenge M3 mehr als verdoppelt hat.

Weitere unklare Begriffe sind „Zusammenbruch“ und „Zerfall des Euro“. Was stellen Sie sich darunter vor? Auch manche Ihrer Vergleiche und Metaphern, wie „Vulkan“ und „Josephspfennig“, sind irreführend und ohne Beweiskraft.

Dass ich Ihr Buch so positiv bewertet habe, liegt an den in meiner Rezension genannten Gründen. Daran ändert sich auch nichts durch Ihre Stellungnahmen zu meinen Kritikpunkten. Erfreulich ist vor allem, daß auch Sie die Einrichtung und Zulassung gesicherter Zahlungskonten („Sicherheitskonten“) für sinnvoll halten und weiter verfolgen wollen.

Lassen Sie uns damit den kontroversen Gedankenaustausch über die von mir kritisierten Punkte Ihres Buchs beenden. Vielleicht ergeben sich in Zukunft weitere Themen, wie die Sicherheitskonten, über die wir korrespondieren können.

Mit herzlichen Grüßen
Timm Gudehus

PS: Sie empfehlen mehrfach, Ihr Buch nochmals zu lesen. Das habe ich getan. Vielleicht lesen auch Sie einmal in meinem Buch „Dynamische Märkte, Grundlagen und Anwendungen der analytischen Ökonomie“. In den Kapiteln 3 „Geld und Finanzgüter“ und 19 „Neue Geldordnung“ sowie in weiteren Abschnitten werden viele der oben angesprochennen Fragen behandelt.
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1 Kommentar

  1. Lieber Herr Gudehus,

    ich stimme Ihnen zu, dass wir bisweilen aneinander vorbei schreiben. Möglicherweise liegt dies aber in der Natur der Sache und lässt sich nicht vermeiden. Hoffentlich tragen meine folgenden Bemerkungen dazu bei, das zumindest bestimmte Begriffsdefinitionen zwischen uns klarer werden.

    1. „Unscharfe“ Definition des Geldvermögens:

    a)
    Nach außen hin, also in Abgrenzung zu anderem Vermögen, kann man Geldvermögen nicht schärfer definieren, als ich es tue. Dass ich es ohne Aktien definiere, garantiert sogar erst diese Schärfe. Würde ich Aktien dazuzählen, wie das beispielsweise die Bundesbank macht, würde ich Geldvermögen und Sachvermögen mischen. Und indem ich es mischte, brächte ich Unschärfe hinein. Denn dadurch würde der Blick vernebelt auf die eindeutigen Interdependenzen zwischen Geldvermögen auf der einen Seite und Schulden auf der anderen Seite.

    Wenn aber diese Interdependenzen nicht mehr sichtbar sind, ist auch die dahinter stehende Problematik nicht mehr sichtbar. Die Problematik nämlich, dass nahezu jedweder Geldvermögenszuwachs gleichbedeutend ist mit einem Zuwachs an Schulden. Und nur durch diese Vernebelung kann es passieren, dass in der veröffentlichten Meinung und Analyse diese Interdependenzen fast vollständig ausgeblendet werden. Deshalb werden Geldvermögenszuwächse in den Medien in der Regel positiv bewertet und Schuldenzuwächse negativ. Negativen Widerhall findet dort allenfalls die Geldvermögens-Verteilung.

    Die allgemeine Vernebelung durch Vermischung reicht bis zu der für mich noch unbeantworteten Frage, ob dahinter eventuell sogar Absicht stecken könnte, um zu verhindern, dass die Zusammenhänge und die dadurch entstehende Problematik klar benannt werden?

    Also: Nach außen hin, in Abgrenzung zu anderem Vermögen, insbesondere zum Sachvermögen, ist meine Definition von Geldvermögen die schärfste, die ich kenne. Und sie ist die einzige, mit der man die dahinter stehende Saldenmechanik erkennen kann.

    b)
    Aber selbst nach innen, also was innerhalb des Geldvermögens die Abgrenzung zwischen Zahlungsmitteln und Forderungen auf Zahlungsmittel anbelangt, läuft die Bezeichnung Unschärfe meiner Ansicht nach ins Leere. Denn die Abgrenzung zwischen beiden Arten des Geldvermögens IST schlichtweg unscharf und lässt sich mit keiner anderen Geldvermögensdefinition schärfer darstellen. Die Diskussion darüber, was Geld ist und was eine Forderung auf Geld, ist fast so alt wie das Geld selbst und füllt ganze Bücher.

    Zumal im Zeitablauf immer wieder die Tendenz zu beobachten ist, dass Forderungen auf Zahlungsmittel irgendwann selbst als Zahlungsmittel verwendet werden. Das war schon im Mittelalter so, als Leute ihre Goldmünzen zum Geldwechsler brachten, um sie dort sicher verwahren zu lassen, und die Zahlungsverpflichtungs-Belege, die sie dafür erhielten, im Laufe der Zeit selbst zu Zahlungsmitteln wurden. Und das war in neuerer Zeit mit dem Zentralbankgeld und dem Geld der Geschäftsbanken ähnlich.

    Zahlungsmittel und Forderungen auf Zahlungsmittel lassen sich also nicht immer scharf trennen. Dies ist aber nicht meiner Nachlässigkeit geschuldet, sondern einzig und alleine dem zugrunde liegenden Sachverhalt.

    Nicht nachvollziehen kann ich in diesem Zusammenhang aber Ihre Bemerkung, ich würde mich nicht festlegen, „ob das Giralgeld und das Zentralbankbuchgeld Zahlungsmittel oder Forderungen auf Zahlungsmittel sind.“ Im Buch habe ich mich eindeutig festgelegt: Beide Geldarten sind im heutigen System beides, also Zahlungsmittel und Forderungen (wobei bei Zentralbankgeld der Forderungscharakter eher symbolische Bedeutung hat).

    Wenn Sie also meine Geldvermögensgleichung zugrunde legen,

    Geldvermögen = Bestand an Zahlungsmitteln + Bestand an Forderungen auf Zahlungsmittel,

    so ist auch hier – alleine wegen des zugrunde liegenden Sachverhalts und nicht wegen meiner mangelnden Bereitschaft mich festzulegen – das Giralgeld sowohl dem Bestand an gängigen Zahlungsmitteln zuzurechnen als auch dem Bestand an Forderungen auf Zahlungsmittel. Oder mathematisch ausgedrückt: Die Menge an Zahlungsmitteln (erster Bestandteil) und die Menge an Forderungen auf Zahlungsmittel (zweiter Bestandteil) haben eine gemeinsame Schnittmenge.

    Ein genaues Festlegen darauf, ob das Giralgeld und das Zentralbankbuchgeld entweder Zahlungsmittel oder Forderungen auf Zahlungsmittel sind, würde den realen Gegebenheiten also zuwider laufen.

    Und was die „ambivalente Eigenschaft“ des Geldes anbelangt: Durch unser Buch zieht es sich doch wie ein roter Faden, dass Geld heutzutage fast ausschließlich durch Kredit geschöpft wird und dass sich daraus mannigfaltige Probleme ergeben. Wir nennen es zwar nicht wie Sie „ambivalente Eigenschaft“, aber wir thematisieren dasselbe Phänomen samt seiner Problematik.

    2. „Undifferenzierte Betrachtung allein des Geldvermögens“:

    Wenn ich mir Ihren diesbezüglichen Absatz durchlese, fühle ich mich bestärkt in meiner Vorgehensweise, die Betrachtung auf den monetären Bereich, nämlich auf das Geldvermögen, zu fokussieren. Das halte ich für nötig, um die Probleme, die ausschließlich im monetären Bereich entstehen, überhaupt erkennen zu können. In dem Moment, in dem man alle anderen Vermögensarten einbezieht, droht der Blick für diese Probleme verloren zu gehen.

    Man kann das m. E. auch in Ihren Zeilen erkennen. „Alles kann sein, nichts muss!“ So ungefähr lässt sich das zusammenfassen, was ich aus Ihrer Aufzählung herauslese. Oder: „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Dies ist ein Manko, das ich in der wirtschaftswissenschaftlichen Herangehensweise seit jeher beobachte. Die Vernachlässigung der monetären Seite hat dort große Tradition – und sei es nur dadurch, dass man sie mit der realen Seite vermischt und auf die „zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft“ verweist. Der Erkenntnisgewinn daraus ist – vorsichtig formuliert – bescheiden.

    Ja, es gibt diese Wechselwirkungen. Aber es gibt auch eindeutige Wirkungen, die allein vom monetären Sektor ausgehen. Und diese erkennt man nur, wenn man die Wirkungsweise des monetären Sektors gesondert betrachtet. Ansonsten gerät man leicht in die Versuchung, Probleme, die im monetären Sektor entstehen, gedanklich zu entschärfen.

    Diese Gefahr erkenne ich auch, wenn ich Ihren betreffenden Absatz lese. Denn welche Argumente führen Sie konkret zur Stützung Ihrer These an?

    a)
    „So können Geldforderungen statt durch Geld durch Übertragung oder Verkauf von Immobilien, Aktien, Gold oder anderer Sachwerte beglichen werden.“

    Ja, Geldvermögen kann tatsächlich verschwinden, in dem eine Geldforderung mit einem Nicht-Geldvermögens-Wert (z. B. Sachwert) beglichen wird. Genausogut kann aber auch Geldvermögen ENTSTEHEN, indem ein Nicht-Geldvermögens-Wert mit einer Geldforderung bezahlt wird (siehe mein Immobilienbeispiel in meiner Antwort an Herrn Klein).

    Lassen Sie uns zunächst darüber reden, wie relevant Ihr Beispiel in der Realität ist: Wie relevant ist es, dass Geldforderungen mit Sachwerten beglichen werden? Und befinden sich solche Sachwerte überhaupt in ausreichendem Umfang in Besitz von Schuldnern, als dass diese Art der Schuldentilgung irgendeine größere Relevanz im tatsächlichen Wirtschaftsleben erlangen könnte? Natürlich nicht.

    Auf eine solche Schuldentilgung trifft man allenfalls bei einer Zahlungsunfähigkeit, wenn sich Gläubiger an Sicherheiten schadlos halten (müssen). Aber die Zahlungsunfähigkeit ist ein Notfall, der im normal funktionierenden System die Ausnahme darstellt. Und sollte er häufiger auftreten, dann nähern wir uns der deflationären Krise, in deren Verlauf Geldvermögen in Massen zwangsweise vernichtet werden. Darüber hatte ich ganz am Anfang unserer Konversation schon einmal gesprochen, als ich darauf hinwies, dass unser System auf eine solche Krise zwangsweise zusteuert. Aber eine solche Krise ist ebenfalls ein Störfall und somit nicht zur Herleitung der ganz normalen „Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft“ geeignet.

    Viel bedeutender ist da schon der umgekehrte Fall, auf den ich oben hinwies: Dass nämlich Geldvermögen umgekehrt auch entstehen kann, indem ein Nicht-Geldvermögens-Wert mit einer Geldforderung bezahlt wird. Denken Sie nur an die zahlreichen Unternehmensübernahmen durch „Heuschrecken“, die mit Krediten finanziert werden, welche dann dem Übernahmeobjekt selbst aufgedrückt werden. Im Endeffekt wird damit das gekaufte Unternehmen mit Geldforderungen bezahlt. Und die Mengen an Geldvermögen und Schulden steigen nach jeder Transaktion.

    Die Tilgung dieser Geldforderungen geschieht dann in der Regel aber nicht durch „Übertragung oder Verkauf von Immobilien, Aktien, Gold oder anderer Sachwerte“. Die Sachwerttilgung kommt vielmehr nur dann wieder ins Spiel, wenn das Übernahmeobjekt unter seiner Schuldenlast zusammenbricht und pleite geht.

    b)
    „Auch Preisverfall oder Ausfälle von Wirtschafts- und Finanzgütern, mit denen Forderungen besichert sind, können zum Rückgang des Forderungsbestands und damit zu einem (des) Absinken des Geldvermögens führen.“

    Die zweite Begründung ihrer These hat im Prinzip das gleiche Manko wie die erste: Sie ist ebenfalls nur bei Systemstörungen relevant, vor allem bei massiven Zahlungsausfällen. Einzelne Zahlungsausfälle mögen zum normal funktionierenden System dazugehören. Sie sind verkraftbar und führen nicht zu einer merklichen Reduzierung der Geldvermögen insgesamt.

    Wirklich relevant wird dieser Sachverhalt nur im Krisenfall. Und gerade hier ist die Fokussierung auf die Faktoren Geldvermögen und Schulden wichtig. Denn egal, was der Auslöser für eine solche Krise ist, ihr Verlauf ist stets ähnlich: Schuldner können ihre Schulden nicht bedienen, was deren Gläubiger in die Bredouille bringt, die wiederum ihre eigenen Schulden nicht mehr zahlen können usw. usw… Genau vor diesem Dominoeffekt hatten die Entscheidungsträger in der letzten Krise Angst. Und deshalb haben sie die Krise vor allem mit monetären Mitteln bekämpft. Andere Vermögenswerte außer monetären spielten bei der Krisenbekämpfung keine Rolle.

    Der Anstoß für eine solche Krise kommt in den meisten Fällen von innen, also vom System selbst, wie es 2007/2008 der Fall war. Er kann allerdings auch von außen kommen, etwa durch Kriege. Mein Ziel ist es jedoch nicht, solche externen Faktoren zu analysieren, sondern ich konzentriere mich auf die internen. Folglich ist es konsequent, dass ich mich auf das Geldsystem als solches konzentriere.

    c)
    „Beim Verkauf einer Immobilie oder anderer Sachwerte an eine Bank wird neues Giralgeld erzeugt ohne dass sich der Forderungsbestand ändert.“

    Dass gerade Sie auch noch diese Begründung anführen, wundert mich. Denn wenn diese Art der Geldschöpfung, die wir auch in unserem Buch kurz ansprechen, irgendeine mengenmäßige Relevanz in der realen Welt hätte, wären die Probleme, die wir in unserem Buch und die Sie in Ihrem Buch ansprechen, viel kleiner. Denn dann hätte das geschöpfte Geld zumindest stets eine reale Deckung in Form von Sachwerten. Probleme könnten dann allenfalls dadurch entstehen, dass die Banken dieses Sachvermögen zu überhöhten Werten kaufen.

    Sie wissen jedoch so gut wie ich, dass die Menge des auf diese Art, also ohne Kredit, geschöpften Geldes vernachlässigbar klein ist und deshalb keine Rolle spielt. Wie können Sie damit aber Ihre These untermauern, dass man „differenziert“ die Summe aller Vermögenswerte betrachten müsse, um „die enge Kopplung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft“ zu berücksichtigen?

    Zusammenfassend kann ich bis jetzt also keinen stichhaltigen Beleg für Ihre o. g. These erkennen. Dagegen habe ich einige Argumente genannt, warum es sinnvoll ist, sich auf die Entwicklung der Geldvermögen und der Schulden zu konzentrieren. Weitere Argumente finden Sie im Buch.

    Im Übrigen ist mein Vorgehen in der Wissenschaft generell üblich. In der Biologie und der Medizin zum Beispiel gibt es Fachrichtungen, die sich ebenfalls auf ein System konzentrieren, nämlich das des menschlichen Körpers, und dessen Funktionsweise analysieren – unbeschadet der Tatsache, dass es eine enge Kopplung zwischen Körper und Außenwelt gibt.

    Sie gehen im Prinzip genauso vor: Sie betrachten in Ihren Analysen zur Krisenentstehung hauptsächlich den Bestand an Zahlungsmitteln, welcher lediglich Teil des gesamten Geldvermögens ist. Hierbei lassen Sie die enge Kopplung zwischen Zahlungsmitteln und dem restlichen Geldvermögen, also den reinen Forderungen auf Zahlungsmittel, unberücksichtigt. Würden Sie Ihr Vorgehen deshalb als undifferenziert bezeichnen?

    Zumal die Wechselwirkungen zwischen den Zahlungsmitteln und dem restlichen Geldvermögen enger sind als die Kopplung zwischen Geldvermögen und Sachvermögen, welche Sie zusätzlich berücksichtigt sehen wollen. Deshalb sage ich ja auch, dass man das gesamte Geldvermögen als ein System betrachten muss, um zu den entscheidenden Wirkungszusammenhängen vorzustoßen.

    3. „Begründung des Wachstumzwangs nicht nachvollziehbar“:

    Zu den Ursachen des Wachstumszwangs hatte ich mich in meiner Antwort an Herrn Klein konkreter geäußert. Dabei begann ich mit dem Faktor Zins, weil mich Herr Klein konkret nach diesem gefragt hatte. Hier nochmal die Textpassage:

    ……

    Der grundlegende Wachstumszwang, den Herr Gudehus leider (noch) nicht erkennt, gründet nach meiner Erkenntnis auf mehreren Faktoren (so habe ich es auch im Buch “Die Wahrheit über Geld” beschrieben):

    a) Zins und Zinsezins
    Nur wenn jedweder Zinsertrag wieder vollständig in den Geldkreislauf zurückgeführt würde, ergäbe sich daraus keinerlei Zwang zum Wachstum und zur Aufschuldung. Da dies aber – wie Sie selbst beschreiben – in der Realität nicht der Fall ist (ein Teil der Zinserträge bleibt immer irgendwo hängen und wird gehortet), verstärken Zins und Zinseszins den Wachstumsdruck.
    Darüber hinaus macht der Zins bei den Schuldnern zusätzliche Ausgaben für den Schuldendienst erforderlich, die diese nicht hätten, wenn es keinen Zins gäbe. Somit wird deren Geldbedarf größer, was den Wachstumsdruck ebenfalls verstärkt.

    b) Geldvermögensbildung generell
    Die Hauptursache für den Wachstumszwang liegt aber darin, dass es überhaupt das Streben nach Geldvermögensbildung gibt. Wenn Geld, egal aus welchen Zahlungen es zufließt (Zins, Miete, Lohn, Verkäufe etc.) gehortet und damit “stillgelegt” wird, fehlt diese letztendlich, um ausstehende Kredite zu bedienen und muss deshalb “aufgeschuldet” werden.

    Den Kreislaufentzug beschränke ich dabei nicht nur auf die Realwirtschaft, welche Sie erwähnen, sondern generell auf den gesamten Geldkreislauf. Schließlich werden Kredite auch zu rein spekulativen Zwecken aufgenommen, welche ebenfalls stets bedient werden müssen.

    Kurzum: Die Tatsache, dass Geld nicht nur als Zahlungsmittel, sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel dient, führt zum Wachstums- und Aufschuldungszwang im System. Ich habe das im Buch mit der Bemerkung kommentiert, dass Geld zuweilen damit “überfordert” sein kann, beide Funktionen zu erfüllen. Und mit Überforderung meine ich, dass daraus die benannten Probleme entstehen.

    c)
    Um den systemimmanenten Wachstumszwang vollends zu erfassen, müssen wir das Blickfeld aber weiten: Bisher haben wir als Ursache nur Zahlungsmittel betrachtet, die gehortet werden und damit dem Kreislauf entzogen werden.

    Wenn Sie aber meine Definition von Geldvermögen zugrunde legen, und zwar

    Geldvermögen = Bestand an Zahlungsmitteln + Bestand an Forderungen auf Zahlungsmittel,

    dann erkennen Sie, dass jedwede Erhöhung des Forderungsbestandes (Teil 2 der rechten Seite) automatisch und rein definitorisch auch eine Erhöhung des Schuldenbestandes zu Folge hat. Das heißt: Hier führt jede Geldvermögensbildung direkt zu einer Schuldenerhöhung und nicht nur indirekt über den Entzug von Zahlungsmitteln, die durch Aufschuldung wieder ins System gebracht werden müssen.

    Dies ist umso wichtiger, als das Streben nach Geldvermögensbildung nicht nur durch Hortung von Zahlungsmitteln, sondern auch durch die Hortung bloßer Forderungen auf Zahlungsmittel befriedigt werden kann. Wenn A dem B eine Immobilie verkauft, A aber momentan gar keine Zahlungsmittel braucht und sich deshalb mit einer verzinsten Forderung an B “bezahlen” lässt, sind Geldvermögen und Schulden neu entstanden, ohne dass ein Cent an Zahlungsmittel involviert, geschweige denn geschöpft worden wäre.

    Das Beispiel lässt sich sogar gänzlich von der Realwirtschaft entkoppeln, indem Sie die Immobilie durch – sagen wir – eine Währungsoption ersetzen, die zwischen zwei großen Finanzmarktteilnehmern außerbörslich vereinbart wird. Durch Verkauf einer solchen Option und deren Bezahlung mit bloßen Forderungen entstehen Geldvermögen und Schulden nicht nur ohne jegliches Zahlungsmittel, sondern auch noch ohne jeglichen realwirtschaftlichen Bezug.

    Zuweilen wird unterstellt, dass das Streben nach Geldvermögensbildung nicht unendlich währt, sondern irgendwann in das Gegenteil mündet, in dem man sein Gelvermögen verbraucht. Damit wäre gar kein “ewiger” Wachstumszwang gegeben.

    Aber wie realistisch ist das? Wenig: Für juristische Personen, auf die große Teile der Geldvermögensbestände entfallen, ist dies auf jeden Fall die Ausnahme. Und selbst viele natürliche Personen sammeln selbst noch in hohem Alter Geldvermögen an, weil sie es vererben wollen. Wie sollten unter diesen Umständen die Geldvermögensbestände insgesamt fallen? Bisher ist dies jedenfalls nicht einmal in Ländern wie Japan geschehen, die eine schrumpfende Bevölkerung aufweisen.

    Die o.g. Faktoren, die sich allein auf die Geldvermögensseite beziehen, führen also zum Wachstumsdruck. Noch nicht erwähnt habe ich dabei jene Faktoren, die auf der Schuldenseite wirken. Auch davon gibt es einige. Und wie im Buch erwähnt, wechseln sich im Zeitablauf beide Seiten, also die Geldvermögens- und die Schuldnerseite, als Hauptantriebe ab.

    ……

    Soweit meine Ausführungen an Herrn Klein. Ihre Frage, lieber Herr Gudehus, auf welches Universum sich meine Aussagen beziehen, dürfte damit auch geklärt sein: Auf das Geldvermögen laut meiner Definition – und damit im Umkehrschluss auch auf die Verschuldung.

    Auf die Frage, inwieweit es auch einen Wachstumsdruck für das Gesamtvermögen oder das BIP/BSP gibt, gehe ich bewusst nicht ein. Ich konzentriere mich lieber voll und ganz auf den Sachverhalt, der für mich offensichtlich ist. Schon dieser Sachverhalt ist nicht leicht zu vermitteln, wie ich an Ihren Reaktionen erkenne. Warum sollte ich also die Vermittlung noch schwieriger machen, indem ich das betrachtete System noch komplexer gestalte? Ich finde, die Wirkungszusammenhänge im System Geldvermögen und Schulden sind komplex genug.

    Ihre Frage, welche Aggregate ich betrachte, dürfte zumindest im Buch beantwortet worden sein: Ich betrachte Geldvermögen und Schulden insgesamt, unabhängig davon, wer die Vermögensbesitzer und wer die Schuldner sind.

    Dazu aber noch eine Einschränkung: Im Buch konzentrieren wir unsere Betrachtungen auf jene Teile des Geldvermögens und der Schulden, die sich in den Bilanzen der Banken befinden. Erstens, weil den Banken die zentrale Funktion in unserem Geldsystem zukommt. Und zweitens, weil es dazu das verlässlichste Zahlenmaterial gibt und weil die Bankbilanzen in dieser Hinsicht so transparent sind. Verlässliche Zahlen zur Geldvermögensentwicklung insgesamt gibt es aus den schon erwähnten Gründen leider nicht.

    Da Sie das Beispiel Japan erwähnen: Es zeigt sehr schön, wie sich der Wachstumszwang im monetären Bereich unvermindert weiter entfaltet, selbst wenn die Realwirtschaft nicht mitzieht und sogar die Bevölkerung schrumpft. Mithin liefert Japan einen empirischen Beleg für unsere Erkenntnisse. Und es liefert eine erste Antwort auf Ihre Frage, ob es auch beim BIP/BSP einen vergleichbaren Wachstumszwang gibt? Eher nein.

    4. Unklarer Begrif „Zerfall des Euro“:

    Was ich darunter verstehe, ist im Buch ebenfalls recht klar definiert: Ein Auseinanderfallen der Währungsunion in mehrere Bestandteile. Mit anderen Worten: Länder, die jetzt in der EWU sind, werden dann nicht mehr Mitglieder sein. Wie dieser Zerfall im Detail ablaufen wird, kann ich jetzt selbstverständlich noch nicht sagen, habe dafür aber mehrere Szenarien im Hinterkopf.

    5. Unklarer Begrif „Zusammenbruch“:

    Auch hier gilt, dass dieser verschiedene Verläufe nehmen kann. Zum Beispiel den einer deflatorischen Weltwirtschaftskrise wie in den 30er-Jahren, an deren Ende sich die Vermögens- und Schuldenbestände so weit reduziert haben, das von diesem Niveau aus ein Neuanfang möglich ist. Da die Notenbanken eine solche Entwicklung aber verhindern dürften, könnte der Zusammenbruch – wie im Buch beschrieben – auch in einer Pleite der Notenbanken mit anschließender Währungsreform bestehen. Weitere Formen sind denkbar.

    Sie sehen, es lässt sich nicht alles genau definieren. Schon gar nicht, wenn es um Entwicklungen in der Zukunft geht.

    6. „Vulkan“:

    Dieser Vergleich ist selbstverständlich ohne „Beweiskraft“. Er sollte Ihnen nur aufzeigen, dass es einen Wachstumsdruck im System gibt, der früher oder später einen krisenhaften Ausbruch erfährt, ohne dass man im Vorhinein sagen könnte, an welcher Stelle und zu welchem Zeitpunkt der Ausbruch kommt. Ich finde den Vergleich auch deshalb passend, weil sowohl beim Krisen- wie auch beim Vulkan-Ausbruch, die tiefere Ursache nicht an der gleichen Stelle zu finden ist, an der der Ausbruch erkennbar wird.

    7. „Josephspfennig“:

    Was Sie an meinen Erläuterungen zum Josephspfennig als „irreführend“ empfinden, erschließt sich mir nicht. Ich habe lediglich versucht, deutlich zu machen, zu was der Josephspfennig-Vergleich taugt und zu was nicht.

    8. Abschluss:

    Sie haben recht. Irgendwann sollte es genug sein. Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken für Ihre Bereitschaft, sich mit den Inhalten unseres Buches auseinanderzusetzen. Ich weiß, wie aufwendig dies sein kann, und schätze es sehr! Schon deshalb, weil Sie mir damit die Gelegenheit gegeben haben, einige der im Buch beschriebenen Erkenntnisse noch einmal einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Ich verspreche Ihnen, mich zu revanchieren und in meinem nächsten Urlaub Ihre „Neue Geldordnung“ ebenso gründlich zu studieren.

    Unabhängig davon liegt mir aber noch Eines am Herzen: Die wirklich entscheidende Frage, ob in unserem System ein monetärer Wachstumszwang herrscht, wie ich es sehe, oder nicht, wie Sie es sehen. An dieser Frage hängt zu viel, als dass man darüber hinweg- und zur Tagesordnung übergehen sollte.

    Ohne dass wir unseren Gedankenaustausch darüber hier fortsetzen müssen, wäre mir deshalb sehr daran gelegen, dass Sie sich im Rahmen Ihrer künftigen Arbeiten noch einmal mit dieser Frage beschäftigen. Vielleicht kommen wir dann in fernerer Zukunft darüber wieder ins Gespräch.

    Herzlicher Gruß
    Raimund Brichta

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