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Gibt es einen Hortungszwang?

23. April 2018 von in Gastbeitrag | 5 Kommentare

Diese Frage ist etwas provokant, denn das Wort „Hortungszwang“ verwenden Sie nicht in ihrem Buch. Sie beschreiben den Wachstumszwang des Geldvermögens und führen diesen u. a. auf den Druck, ausgehend von der Passivseite der Bankbilanzen, zurück. Das ist leicht verständlich, solange es positive Guthabenzinsen gibt. Sie gehen aber noch einen Schritt weiter und haben wiederholt klargestellt, dass Sie die Geldhortung – und nicht den Zinseszinseffekt – als Hauptursache für den Wachstumszwang sehen, und dass der Zinseszinseffekt den Wachstumszwang lediglich verstärkt.

Wenn der Wachstumszwang allerdings auch ohne den Zins durch die Geldhortung verursacht wird, dann ist zu anzunehmen, dass es mindestens einen weiteren Mechanismus gibt, der unabhängig vom Zins zwangsläufig zur Hortung von immer mehr Geldvermögen führt. Das fand ich zunächst etwas verwirrend, denn schließlich wird niemand gezwungen, immer mehr Geldvermögen zu horten, oder doch?

Aufschlussreich ist der Anhang 9 des Buchs: Sie verweisen auf die großen Guthaben, die in ihrer Gesamtheit auf lange Sicht immer weiter wachsen, von denen mangels Bedarfs ausgeschlossen werden kann, dass sie jemals ausgegeben werden. Leuchtet ein.

Ich habe mich jedoch gefragt, ob nicht auch die Teuerung einen Druck auf die Sparer ausübt, der ebenfalls zur Geldvermögenshortung führt. Vermutlich sind die Zusammenhänge zwischen Sparquote, Inflation und Wirtschaftswachstum Gegenstand zahlreicher Wirtschaftstheorien, und vermutlich ist das hinreichend untersucht. Da ich aber kein Ökonom bin, kann ich das nicht im Detail überschauen und kann meine eigenen Überlegungen nicht auf die Probe stellen. Mir fallen Pro- und Contra-Argumente ein, wobei die Pro-Argumente deutlich überwiegen.

Einige vereinfachte Überlegungen möchte ich einmal darlegen:

Solange es Zinsen gibt, lohnt sich das Sparen. Der Einfachheit halber sei aber nun angenommen, es gäbe keine Guthabenzinsen (de facto trifft das augenblicklich beinahe zu). Mir scheint die Annahme sinnvoll, dass Sparer dann im Mittel zumindest noch so viel zurücklegen, wie erforderlich ist, um die Kaufkraft ihrer bisherigen Ersparnisse zu erhalten. Tatsächlich aber müsste es mehr sein. Denn anderenfalls könnten ihre Sparziele auf lange Sicht im Mittel nicht mehr erreicht werden, denn die Ersparnisse würden trotz der Sparraten nur nominal wachsen, aber real schrumpfen. Eine reale Steigerung der bereits vorhandenen Rücklagen, z. B. mit dem Ziel der privaten Altersvorsorge oder mit dem Ziel des Erwerbs eines Gegenstands (Auto, Haus, Reise, etc.), wäre sonst im Mittel nicht mehr möglich, und die Vermögensbesitzer würden zunehmend ärmer.

Nun einmal angenommen, die Preise steigen in einem gewissen Zeitraum um einen gewissen Prozentsatz, sagen wir beispielsweise um 2 %. Dann verlangt das System 2 % mehr an zirkulierendem Geld, damit alle gehandelten Wirtschaftsgüter weiterhin bezahlt werden können (vereinfachend sei dabei vorausgesetzt, dass die Wirtschaft im Zeitraum real, d. h. preisbereinigt, weder gewachsen noch geschrumpft sei). Ob das zusätzliche vom System verlangte Geld schon vor dem Preisanstieg oder während der Dauer des Preisanstiegs durch die Noten- und Geschäftsbanken ins System gebracht worden ist und ggf. sogar die Preisteuerung ausgelöst hat, oder ob es noch ins System gebracht werden muss, um dem nunmehr gestiegenen Geldbedarf nachzukommen, sei dahingestellt. Nach obigen Überlegungen sind aber nun auch die Sparer genötigt, zusätzliches Geld zu horten, um den Kaufkraftverlust ihrer Ersparnisse auszugleichen. Dazu müssten die Sparer ihre bisherigen Ersparnisse ebenfalls um mindestens 2 % erhöhen. Zusätzlich zu den o. g. 2 % des ursprünglich zirkulierenden Geldes müsste daher mindestens noch einmal so viel Geld neu geschöpft werden und ins System fließen, wie die Sparer dem System entziehen, um die Kaufkraft ihrer Ersparnisse zu erhalten. D. h. insgesamt: 2 % des ursprünglich zirkulierenden Geldes plus 2 % der Summe aller bisherigen Ersparnisse. Und dies genügt nur dann, solange gerade nur so viel Geld zusätzlich gehortet wird, wie erforderlich ist, um den Kaufkraftverlust des bisher Ersparten auszugleichen. Dem nun zusätzlich gehorteten Geld stehen in gleicher Höhe zusätzliche Schulden gegenüber, die im System verbleiben. Um die daraus resultierenden Probleme zu vermeiden und eine positive Teuerungsrate beizubehalten, muss früher oder später weiteres Geld in den Umlauf gebracht werden. Schließlich streben die Notenbanken ein Inflationsziel von etwa 2% p. a. an. Angeblich, damit die Wirtschaft stabil wachsen kann.

Solange die Teuerungsrate positiv bleibt, die Wirtschaft also gesund ist, setzte sich das immer weiter fort. Das sieht sehr nach einem Schneeballsystem aus. Wenn die Realwirtschaftswachstumsrate im Mittel über der nach obigen Überlegungen benötigten Geldwachstumsrate läge (gemäß dem Buchkapitel „Die Inflation ist da!“ trifft dies wohl nicht zu), könnte man das System zwar vermeintlich für gesund halten, weil dem Anstieg der Geldmenge dann auch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum gegenüberstünde. Dann aber verlangte das System sogar noch nach mehr Geld, damit alle zusätzlichen Wirtschaftsgüter bezahlt werden könnten. Denn im obigen Beispiel war vereinfachend nicht von einem Realwirtschaftswachstum ausgegangen worden und ein Teil des neuen Geldes wird ja gehortet. Wenn weniger als das benötigte Geld ins System gebracht wird, kommt es zu Problemen. So oder so scheint also ein Schneeballsystem vorzuliegen. Die Alternative wäre, wie gesagt, dass die Sparer weniger sparen und im Mittel immer ärmer würden, bis die Ersparnisse real auf eine unbedeutende Summe schrumpfen. Dies wäre ein anderes Krankheitssymptom (bzw. der Zusammenbruch), das zu verhindern gilt.

Mir ist bewusst, dass sich der Sachverhalt beliebig verkomplizieren lässt. Ich will nicht viel von Ihrer Zeit stehlen, aber es war mir ein Bedürfnis, die obigen Gedanken einmal loszuwerden. Über eine kurze Antwort dazu, ob ich Sie richtig verstanden habe und ob meine weiteren Überlegungen plausibel sind, würde ich mich freuen.

Und hier noch einige Ergänzungen:

1. Die Annahme, dass die Teuerung einen Spardruck auslöst, mag widersprüchlich erscheinen. Denn wer würde schon sparen wollen, wenn es sich nicht mehr lohnt. Ich meine aber, dass letztlich gar nichts anderes übrig bleibt. Veranschaulichen könnte man das auch so: Wohingegen von (positiven) Guthabenzinsen eine Art Sogwirkung ausgeht, die zum vermehrten Sparen verleitet, übt die Teuerung einen Druck aus, der zum Sparen zwingt. Zumindest scheint mir dies innerhalb gewisser Grenzen zuzutreffen. (Selbst im Falle einer Hyperinflation wird es übrigens immer schwieriger, das Geld auszugeben, und die Geldmenge steigt dann sogar ins Unermessliche). Wenn das stimmt, dann ist auch nicht zu erwarten, dass negative Guthabenzinsen das System heilen könnten, denn sie müssten ähnlich wirken. Ihre Wirkung wäre aber wenigstens nicht schädlich, da die Negativzinsen den Banken als Gewinn zufließen und diese den Gewinn dann wieder ins System bringen können (z. B. in dem sie ihre Mitarbeiter davon bezahlen oder eine Dividende ausschütten).

2. Die aufgezeigte Alternative, dass Guthaben real immer weiter schrumpfen, könnte man auch als „Zusammenbruch auf Raten“ oder „schleichende Enteignung“ betrachten. Man kann sich auch überlegen, dass es langfristig auf die Wirtschaft rückkoppelte, wenn keine ausreichenden Guthaben mehr aufgebaut werden könnten, um davon teure Anschaffungen zu finanzieren. D. h. ein Rückgang von Konsum und Investitionen wäre die Folge. Eine genauere Betrachtung führt wohl in die Wirtschaftstheorien.

3. Ob tatsächlich bereits ein Schneeballsystem vorliegt, wenn gerade nur so viel Geld gespart (bzw. gehortet, gebunkert) wird, wie erforderlich ist, um den Kaufkraftverlust auszugleichen, hängt m. E. davon ab, wie hoch die Summe der Ersparnisse (bzw. die gebunkerte Geldmenge) im Vergleich zur Menge des zirkulierenden Geldes ist. Im betrachteten Fall steigen alle Geld- und Schuldenmengen exponentiell mit der Teuerungsrate. Der Summe der Ersparnisse (bzw. der Geldspeichervorräte) steht in gleicher Höhe eine Menge an überschüssigen Schulden im System gegenüber, welche exponentiell mitwächst. Nur wenn dieses Schuldenloch kleiner ist als die Menge zirkulierenden Geldes (und folglich auch der dieser Geldmenge gegenüberstehenden Schuldenmenge), scheint mir das System stabil zu sein, weil die Größe dieses Lochs dann relativ gesehen, d. h. im Vergleich zu den übrigen Geld- und Schuldenmengen nicht an Gewicht gewinnt, auch wenn alles exponentiell wächst. Mit entsprechenden Daten könnte man das berechnen. Man könnte dann ermitteln, wie hoch die maximal zulässige Sparrate (oder Hortungsrate) ist, bzw. auf welches Niveau die Summe der Geldspeichervorräte wieder schrumpfen müsste, um das System aufrecht zu erhalten.

4. Man mag sich daran stoßen, dass „Horten“ und „Sparen“ streng genommen nicht dasselbe sind. Ich meine aber, dass diese Feinheiten in der Diskussion keine entscheidende Rolle spielen. Auch habe ich den Begriff „Sparer“ bewusst nicht genau definiert. Man mag darunter zunächst den Kleinsparer verstehen. Von mir aus aber auch Milliardäre, die darauf sparen, ein neues Privatflugzeug zu kaufen oder sich einen neuen eigenen Trump-Tower zu bauen. Ggf. auch Unternehmen, die Geldvermögen anhäufen, um es zu einem späteren Zeitpunkt investieren zu können. Man möge mir verzeihen, wenn ich wirtschaftliche Begriffe nicht korrekt anwende. Ich hoffe aber, es ist verständlich, was gemeint ist.

 

5 Kommentare

  1. Danke für Ihre Ausführungen, lieber Sandro.

    Grundsätzlich gibt es natürlich einen Zusammenhang zwischen Preis-Inflation und Geldmenge. Die herrschende Meinung, die ich in diesem Fall teile, geht aber davon aus, dass eine höhere Geldmenge u. U. in Richtung höhere Preise wirkt. Dass es im weiteren Verlauf auch zur Wirkungsrichtung höhere Preise —> höhere Geldmenge kommen kann, erscheint mir aber ebenfalls plausibel.

    Was die Sparer anbelangt, soll zum einen natürlich der Zins einen Inflationsausgleich bieten. In der Frage, ob eine höhere Inflation auch eine höhere Sparrate bewirkt, bin ich mir nicht so sicher. Denn schließlich gibt es auch das gegenläufige Phänomen: Bei hoher Inflation ist es weniger attraktiv zu sparen, weil Güter jetzt günstiger sind als in der Zukunft. Es kann sich also eher lohnen, jetzt zu konsumieren (notfalls mit Kredit), als diesen Konsum aufzuschieben.

    • „Bei hoher Inflation ist es weniger attraktiv zu sparen, weil Güter jetzt günstiger sind als in der Zukunft. Es kann sich also eher lohnen, jetzt zu konsumieren (notfalls mit Kredit), als diesen Konsum aufzuschieben“.

      Im Prinzip hatte ich das genauso gesehen. Die Frage ist nur, wie lange das gut gehen kann. Früher oder später müssen die Sparer gegen die Preis-Inflation ansparen, was Ihnen aber nicht schwerfallen dürfte, wenn die Einkommen gleichermaßen steigen.

  2. Vielen Dank für Ihre Antwort. Eigentlich hatte ich gar nicht mehr mit einer Veröffentlichung des Beitrags gerechnet, da ich Ihnen vor einiger Zeit geschrieben hatte, dass ich meine Fragen im Wesentlichen für mich selbst geklärt hatte und Ihre Zeit dafür lieber nicht mehr beanspruchen wollte. Schließlich kann ich von Ihnen hier keinen Grundkurs in Volkswirtschaftslehre verlangen. Rückblickend hielt ich meinen Beitrag für zu lang geraten und meine Überlegungen für nicht ausgereift. Als Nicht-Ökonom ohne volkswirtschaftliche Grundkenntnisse muss ich mir die Zusammenhänge Schritt für Schritt klar machen.

    Ausgangspunkt war ursprünglich, dass ich die Ursache der (zwanghaften) Geldvermögenshortung (= Hauptursache für den Wachstumszwang) verstehen wollte. Der Zusammenhang zwischen Preis-Inflation und Geldmenge scheint mir diesbezüglich allenfalls ein Nebenschauplatz zu sein – ein weiterer Grund, weshalb ich meinen Beitrag eigentlich zurückziehen wollte.

    Wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, ist es etwa so, dass die Finanzwirtschaft („Auffangbecken“) parallel zur Realwirtschaft immer weiter wächst und nach immer mehr Geld verlangt, um das System aufrecht zu erhalten, während die Realwirtschaft in den gealterten Volkswirtschaften nicht mehr schnell genug mitwächst. Das ist eine Zustandsbeschreibung, aber sie erklärt noch nicht vollständig den Grund der (zwanghaften) Geldvermögenshortung. Insbesondere erklärt sie nicht, weshalb die Geldvermögenshortung (einhergehend mit dem Wachstum der Finanzwirtschaft) sich auch unter geänderten Rahmenbedingungen, wie z. B. Negativzinsen (welche die Geldvermögenshortung unattraktiver machen und der Finanzindustrie das Wasser abgraben), so weiterhin fortsetzen sollte. Natürlich lassen sich schnell viele Gründe finden, weshalb Menschen Geldvermögen aufbewahren: Z. B. Altersvorsorge, etc … Nur wären diejenigen Gründe, die mir zunächst spontan in den Sinn kamen, keine systemischen Gründe. D. h. keine Gründe, die das System selbst hervorbringt und die für einen fortwährenden WachstumsZWANG unbedingt als ursächlich erklärt werden könnten. Auch volkswirtschaftlich vorgebildete Leser, z. B. Herr Dorfner oder Herr Gudehus hatten vermutlich deshalb anscheinend Probleme, Ihnen bei der Geldvermögenshortung zu folgen. Tatsächlich scheint der Sachverhalt etwas komplizierter zu sein (oder auch viel zu einfach, um wahr zu sein? 😉 ).

    Es erscheint mir unrealistisch, dass das Wachstum von Geld und Schulden durch Änderung der Rahmenbedingungen, z. B. durch stärkere Regulierung, Steuererhöhungen aller Art (insb. Vermögens- und Erbschafts- und Kapitalertragssteuer), Negativzinsen, ausreichend verlangsamt werden könnte. Ich vermutete jedoch, dass es – abgesehen von den im Buch genannten Gründen für den Wachstumszwang (z. B. Druck von der Passivseite der Bankbilanzen) – weitere systemische Gründe für die Geldhortung gibt. Ich will sie nun nicht mit kruden Theorien nerven, nutze aber nun doch die Gelegenheit, um einige mögliche Gründe für die Geldhortung zu diskutieren.

    1. Erklärungsversuch: Die Wirtschaft scheint – u. a. getrieben vom technischen Fortschritt – meistens auch ganz von alleine wachsen zu können. Fast so, als sei der Wirtschaftmotor ein perpetuum mobile. Nur läuft er nicht immer rund. Manchmal stottert er (Rezession), und in einer gealterten Volkswirtschaft läuft er immer langsamer (wie im Buch beschrieben). Uns geht das nicht schnell genug, und die (zuweilen auch heilsame) Rezession mögen wir gar nicht. Deshalb wird das Wirtschaftswachstum über das notwendige Maß hinaus stetig mit neu geschöpftem Geld zusätzlich stimuliert. In diesem Betriebsmodus ist der Wirtschaftsmotor (bildlich) aber gewiss kein perpetuum mobile mehr – es gibt Reibungsverluste, die sich in der Geldhortung äußern. In den meisten Phasen scheint dabei das Wirtschaftswachstum dem Geldmengenwachstum zeitlich hinterherzulaufen: Erst kommt das Geld, dann erst steigen mit Zeitverzug die Preise, Produktion, Beschäftigung, Einkommen und daraufhin wiederum die Nachfrage. Bis dies alles nachgezogen ist, gibt es etwas zu viel Geld im Umlauf, das gar nicht schnell genug und nicht nachhaltig vom System aufgenommen werden könnte. Ein Teil des neu in das System gebrachten Geldes MUSS folglich gehortet und somit dem System sogleich wieder entzogen werden. Im Geldkreislauf gelangt statistisch immer ein Teil des Geldes an (natürliche und juristische) Personen, die gar keinen akuten Bedarf haben, es sofort auszugeben und es daher erst einmal aufbewahren oder in gewinnbringende Wertpapiere eintauschen. Endet der Konjunkturzyklus, wird die drohende Rezession mit besonders viel Geld bekämpft. In dieser Phase kann das Geld noch schwerer vom System aufgenommen werden. Folglich wird im beschriebenen Prozess immer mehr Geld gehortet.

    2. Erklärungsversuch: Das Anhäufen von Besitz liegt uns in den Genen – schließlich sind wir seit Urzeiten Jäger und Sammler. Geld ermöglicht, dass wir nicht mehr entscheiden müssen, was wir sammeln. Schließlich können wir Geld jederzeit eintauschen und einfacher aufbewahren als alles andere. Genau deshalb gibt es ja Geld. Und so wird Geld selbst zum Sammelobjekt. Dies ist ein eher trivialer und vielleicht kein systemischer Grund für die Geldhortung. Aber das System muss daran angepasst sein. Das Problem: Die Geldhortung gehört untrennbar zum Wesen des Geldes. Geld, das nicht gehortet werden will, ist kein Geld. (Schwundgeld kann nicht funktionieren).

    Weitere Erklärungsversuche: Mir sind noch weitere Erklärungsversuche eingefallen, die ich aber für unwesentlich halte. Es mag sogar viele Gründe für die Geldhortung geben. Selbstverständlich ganz wesentlich ist die Finanzindustrie, die die Geldvermögenshortung besonders attraktiv macht und auf das stetige Geldmengenwachstum angewiesen ist, mit allen Mechanismen wie im Buch beschrieben. Vielleicht spielt auch die Ungleichheit der Vermögensverteilung eine Rolle. Ein System, indem jeder gleich viel besitzt, würde vermutlich genauso schlecht (oder gar nicht) funktionieren wie ein System mit extremer Ungleichverteilung. Vielleicht ist aber die Umverteilung des Vermögens (sog. „Schere zwischen arm und reich“) auch ein Maß für die Systemreife. Bereits vorhandenes Geld- und Sachvermögen zieht weiteres Vermögen an (z. B. durch Kapitalerträge, Einkünfte aus Unternehmensbeteiligungen oder Mieterträge). Beim Zusammenbruch kommt es vielleicht wieder zu einem Teilausgleich.

    Fazit: Im Lichte der obigen Überlegungen scheint mir Ihre Analyse des Geldsystems in jeder Hinsicht einleuchtend. Sie beschränken sich auf rein monetäre Zusammenhänge und machen die Geldvermögenshortung als Hauptursache für den Wachstumszwang aus. Über die Gründe der Geldvermögenshortung muss man als Leser aber noch nachdenken. Den ersten Erklärungsversuch entnehme ich zumindest andeutungsweise dem Buch.

    • Nachtrag:

      Von den o. g. Gründen, die ich eher unwesentlich für die Geldhortung hielt, möchte ich doch noch einen nachschieben. Denn vielleicht ist er ja doch nicht ganz so unwesentlich, wie ich dachte:

      Neben Geldvermögen wird auch Sachvermögen gehortet. Es erschiene mir ganz und gar unnatürlich, wenn einer wachsenden Menge an Sachvermögen nicht auch eine zumindest gleichsam wachsende Menge an Geldvermögen gegenüberstünde.

      Ein Wachstum von Sachvermögen ist nicht gleichbedeutend mit dem Wirtschaftswachstum. Grundsätzlich kann die Menge an Sachvermögen auch zunehmen, wenn das Wirtschaftswachstum stagniert. Sie kann aber auch abnehmen, selbst wenn die Wirtschaft wächst. Insbesondere bei einem dienstleistungsorientierten Wirtschaftswachstum. Sachvermögen kann grundsätzlich auch ohne Geld entstehen oder es kann mithilfe von Krediten geschaffen werden, die anschließend wieder zurückgezahlt werden. Letzteres ist gleichbedeutend damit, als sei das Sachvermögen aus dem „Nichts“ entstanden.

      Vermutlich wächst die Menge an Sachvermögen insgesamt sehr langsam, und ein Großteil von allem neu geschaffenen Sachvermögen wird bereits nach kurzer Zeit wieder vernichtet.

      Vorausgesetzt, es wächst tatsächlich, dann bekommt jegliches Sachvermögen, das die Zeit überdauert, früher oder später ein Preisschild aufgeklebt und will verkauft werden, wozu Geld nötig ist. Die Frage ist, in welchem Verhältnis die Mengen des Sachvermögens und Geldvermögens zueinander stehen. Es erscheint aber logisch, dass beides gehortet wird und ein Wachstum des einen auch ein Wachstum des anderen nach sich zieht. Insgesamt scheint mir das neben allen anderen Gründen aber eher unbedeutend für die Geldhortung und den Wachstumszwang.

      • Richtig, auch Sachvermögen wird gehortet. Dieses lässt sich nur nicht so leicht vermehren wie Geldvermögen. Ein großer Teil des Sachvermögens (z. B. Immobilien) lässt sich sogar überhaupt nicht vermehren. Hier kann dann nur noch der Preis ein Ventil sein.

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