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Fehler im Buch?

30. April 2018 von in Gastbeitrag | 9 Kommentare

Sehr geehrter Herr Brichta,

mit großem Interesse habe ich ihr oben genanntes Buch gelesen. Ich glaube, einen Fehler in Ihrer Argumentationskette in Anhang 9 auf Seite 292 gefunden zu haben. Sie schreiben, die Geldmenge müsse schon alleine deshalb ständig wachsen, weil ein Teil des Geldes stets in die Geldspeicher der Geldvermögensbesitzer abfließe und somit nicht mehr zur Schuldentilgung zur Verfügung stehe. “ Verstärkt wird dieser Einfluss noch durch den Zinseszinseffekt: Denn Zinserträge auf bereits gebunkertes Geld, die ebenfalls wieder gebunkert werden, erhöhen jenen Geldbetrag, der dem Kreislauf entzogen wird und damit nicht mehr für die Bedienung alter Kredite zu Verfügung steht.“
Hier scheint mir der Fehler zu liegen: Geld im Geldspeicher, welches dem Kreislauf entzogen ist, erwirtschaftet keine Zinsen. Im Gegenteil, sofern Inflation besteht, verliert es sogar an Wert. Zinsen kann es nur generieren, wenn es eben doch wieder verliehen und für die Tilgung anderer Schulden zu Verfügung gestellt wird. Somit scheint mir dieses Argument für das ständige Geldmengenwachstum nicht zutreffend zu sein.

Herzliche Grüße,

Der Student

9 Kommentare

  1. Hallo Herr Student,

    wenn Sie Geld zum Beispiel auf einem Festgeldkonto parken, ist es dem Kreislauf nach meinem Verständnis entzogen. Gleichzeitig bekommen Sie dafür aber Zinsen, auch wenn diese zurzeit sehr niedrig sind.

    Selbstverständlich funktioniert das Ganze langfristig nur, wenn die Bank ihrerseits (verzinste) Kredite an andere herausgibt, mit denen sie den Zins für Sie finanzieren kann. Diese Kreditvergabe erhöht automatisch die Geldmenge, denn damit kommt neues Geld in Umlauf, wie im Buch beschrieben.

    Nach der Kreditvergabe ist also sowohl Ihr Geld vorhanden, das auf dem Festgeldkonto gebunkert ist, als auch das neue Geld, das mit dem Kredit entstanden ist. Die Geldmenge hat sich damit insgesamt erhöht.

    Nur wenn Sie Ihr Geld direkt an jemanden anderes verleihen würden, ohne Zwischenschalten einer Bank, bliebe die Geldmenge unverändert.

    Ich hoffe, dass ich Ihre Zweifel damit ausräumen konnte.

    Herzlicher Gruß
    Raimund Brichta

  2. Hallo Herr Brichta,

    vielen Dank für ihre Antwort!

    Geld auf einem Festgeldkonto ist jedoch meines Erachtens nach eindeutig nicht dem Kreislauf entzogen. Die Bank hat die Verfügungsgewalt über das Geld, kann es also wieder verleihen. Dies wird sie auch tun, da Sie ja erst nach einer gewissen Frist wieder auf das Geld zugreifen können.

    Das Wachstum der Geldmenge scheint mir in diesem Zusammenhang jedoch durch die Geldnachfrage und die Politik der Zentralbank bestimmt zu sein. Ihre Bank wird Ihnen nur dann Zinsen für Ihre Einlage bieten, wenn sie Ihr Geld benötigt, wenn sie also nicht anderweitig duch andere Einlagen oder Kredite der Zentralbank über genügend Zentralbankgeld verfügt. Gerade diesen Effekt können wir ja momentan beobachten: Banken fangen an negative Zinsen auf hohe Einlagevermögen einzufordern, da es eben nicht genügend Kreditnehmer gibt die an der Aufnahme neuer Kredite interessiert sind, und die Verwahrung des Geldes für die Banken somit keinen Profit, sondern nur noch Kosten verursacht.

    Beste Grüße,

    • Genau das ist aber nicht so einfach, wie Sie sich das denken. Wie im Buch beschrieben, bedeutet die Kontoeinlage eines Kunden (egal ob Giro-, Tages- oder Termingeld etc.) mitnichten, dass die Bank „Verfügungsgewalt über das Geld“ hätte, wie Sie schreiben. Aus Sicht der Bank ist diese Kontoeinlage nichts anderes als eine Verbindlichkeit (also Schuld) gegenüber dem Kunden. Und über Schulden hat man erst mal gar keine Verfügungsgewalt.

      Die Verfügungsgewalt hat hier nur der Kunde, aus dessen Sicht es sich um eine Forderung handelt. In unserem System besitzen solche Forderungen Geldeigenschaft. Deshalb kann man sie als Geld bezeichnen.

      Soll heißen: Solange solche Forderungen zwischen den Kunden von Banken hin- und hergebucht werden, weil damit Bezahlvorgänge stattfinden, sind sie (und damit das Geld) im Kreislauf. Sobald ein Kunde seine Forderung (=sein Geld) aber auf dem Konto liegen lässt, ist sie, die Forderung (das Geld) dem Kreislauf entzogen.

      Nun muss neues Geld (=neue Forderungen) in den Kreislauf kommen. Wobei ich Forderungen hier aus Sicht der Kunden definiere. Aus Sicht der Banken sind sie Verbindlichkeiten (=Schulden).

      Das alles spielt sich auf den Passivseiten der Bankbilanzen ab. Was dem auf den Aktivseiten gegenübersteht, ist eine ganz andere Geschichte.

      Diese Systematik ist im Buch an mehreren Stellen beschrieben. Bitte lesen Sie dort noch mal nach.

      Herzlicher Gruß
      Raimund Brichta

  3. Hallo Herr Brichta,

    Ihre Argumentation bezüglich des Entzugs von Einlagen aus dem Geldkreislauf kann ich nun besser nachvollziehen, diese betrifft jedoch meines Erachtens nach nicht den Kern meiner Anmerkung. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, schreiben Sie in Anhang 9 sinngemäß, dass die Geldmenge schon alleine deshalb ständig wachsen müsse, weil ein Teil des Geldes stets auf den Konten liegen bliebe und somit nicht mehr zur Schuldentilgung zur Verfügung stehe.

    Ich bin der Ansicht, dass hier Aktion und Reaktion vertauscht sind. Führen wir uns vor Augen, warum Banken in geldpolitisch „normalen“ Zeiten überhaupt Einlagen annehmen, also das Geld eines Kunden verwahren, und dieses sogar noch durch Zins entlohnen, statt dafür Gebühren zu verlangen. Dies tun Sie doch nur, da sie aufgrund des Mindestreservesatzes eine gewisse Summe an Einlagen vorhalten müssen, um die durch sie neu geschöpften Kredite abzusichern oder weil sie Zentralbankgeld benötigen um eigene Verbindlichkeiten abzulösen. Andernfalls hätte eine Bank ja überhaupt kein Interesse an der Annahme von Einlagen. Das habe ich zugegebenermaßen etwas vereinfacht darin ausgedrückt, dass die Bank die Einlagen wiederum verleihe.

    Die Motivation der Bank zur Annahme von Einlagen speist sich also aus der Möglichkeit, selbst gewinnbringend Kredite auszugeben. Wenn eine Annahme von Einlagen nicht mehr nötig ist, da keine ausreichende Kreditnachfrage herrscht oder die Bank vonseiten der Zentralbank genügend Liquidität zur Verfügung gestellt bekommt, sinken die Guthabenzinsen. Wie wir momentan beobachten können sogar bis in den negativen Bereich, sie wandeln sich also zu einer Gebühr für die Geldverwahrung.

    Ergo, der Grund für das Wachstum der Geldmenge ist nicht der Anstieg der Geldvermögen, sondern die Kreditnachfrage. Diese wiederum bewirkt den Anstieg der Geldvermögen, welcher ja synonym mit einem Anwachsen der Geldmenge zu verstehen ist. Bei Ihnen klingt es so, als ob sich jedes Vermögen seine Schulden selbst schaffe, ganz analog zu „jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst“. Dies ist meiner Meinung nach nicht haltbar, Geldvermögen können nur dann durch Zinsen wachsen wenn anderswo Menschen bereit sind Kredite aufzunehmen und Zinsen zu bezahlen.

    Viele Grüße

    • Aktion und Reaktion verwechsle ich mitnichten, lieber Student. Im Buch habe ich auch mehrfach darauf hingewiesen, dass der Wachstumsdruck von beiden Seiten der Bankbilanzen ausgehen kann. Wir konzentrieren uns im Buch deshalb auf die Passivseite, weil der Druck, der der dort entsteht, in der Literatur bis jetzt vernachlässigt wurde.

      Eine ähnliche Vernachlässigung beobachte ich in Ihren Ausführungen. Sie beschreiben nämlich in erster Linie die Banken als handelnde Akteure, von denen die Entwicklung abhänge. Die Kunden handeln aber ebenfalls aktiv und aus eigenen Interessen. Wenn Kunden zum Beispiel ihr Geld auf dem Konto horten, statt es wieder auszugeben, ist das ihre Entscheidung. Dagegen wehren könnten sich die Banken nur in begrenztem Umfang, selbst wenn sie es wollten.

      Außerdem bitte ich Sie, auch bei der Darstellung der Sachverhalte, auf Genauigkeit zu achten: Sie schreiben, dass die Banken aufgrund des Mindestreservesatzes eine gewisse Summe an Einlagen vorhalten müssten. Das ist nicht richtig. Der Mindestreservesatz verpflichtet die Banken nur dazu, einen bestimmten (kleinen) Prozentsatz ihrer Einlagen mit Zentralbankguthaben zu unterlegen. Eine Verpflichtung zum Vorhalten einer gewissen Summe an Einlagen gibt es nicht.

      Herzlicher Gruß
      Raimund Brichta

      • Hallo Herr Brichta,

        falls Sie sich durch meine Formulierungen angegriffen fühlen, möchte ich mich dafür in aller Form entschuldigen. Ich habe die Lektüre ihres Buches sehr genossen und wollte lediglich aus meiner Sicht Verbesserungsvorschläge anbringen. Ihr Gespräch mit dem Investmentbanker im Buch verlief ebenfalls in einem lockeren Ton, daher hielt ich diesen für angemessen.

        Die Kunden sehe ich genauso als handelnde Akteure, je nach Guthabenzinssatz entscheiden sie wie viel Geld sie auf ihren Konten anlegen. Im Gegenzug empfinde ich negative Guthabenzinsen als durchaus potentes Mittel der Banken, diese davon abzubringen.

        Herzliche Grüße,

        der liebe Student

        • Das ist überhaupt kein Problem, lieber Student. Meine Formulierungen waren auch nur im Sinne des lockeren Tons. Also: von „angegriffen fühlen“ keine Spur, schmunzel.

          Dass der Guthabenzins eine gewisse Rolle spielt, ist auch unbestritten. Aber dass er die Geldhortung selbst dann nicht verhindert, wenn er negativ ist, zeigt die jüngste Entwicklung.

          Also sollten wir zurückkommen auf die Ausgangsfrage: In welchem Ausmaß trägt die Ersparnisbildung zum Wachstum der Geldmengen und der Geldvermögensbestände bei? Nach meinen Erkenntnissen leistet sie einen wesentlichen Beitrag dazu.

          Herzlicher Gruß
          Raimund Brichta

          • Lieber Herr Brichta,

            sehr gut, dann bin ich beruhigt 😉

            Ihrer Aussage kann ich vorbehaltlos zustimmen. Die Ersparnisbildung kann diesen Effekt meiner Meinung nach aber nur haben, weil unser Geldsystem derart konstruiert ist, dass sie diesen Effekt haben muss. Die Geldschöpfungsfähigkeit der privaten und der Notenbanken, gepaart mit der berechtigten Angst vor Deflation und Depression bei einer Verringerung der Geldmenge, muss notwendigerweise zu einem steten Wachstum der Geldmenge führen, vor allem in Krisenzeiten. Im Boom könnte die Geldmenge eigentlich stabil bleiben, aber da haben wir es dann mit dem gleichen Problem wie bei der antizyklischen Fiskalpolitik zu tun. Der Grund für die augenscheinliche Unfähigkeit Geldmengen- und Staatsausgabenwachstum in wirtschaftlich guten Zeiten zurückzufahren ist womöglich auch durch die menschliche „loss aversion“ begründet. Da sind wir aber auch d’accord, wenn ich mich nicht ganz irre, oder :)?

            Eine Frage habe ich noch, aber nur wenn Sie die Zeit finden: Wie wäre es, wenn die Menschen aufgrund der negativen Guthabenzinsen nun tatsächlich beginnen würden, wieder Bargeld unterm Kopfkissen zu horten? Damit wären diese Gelder doch aus den Bankbilanzen verschwunden und würden den von Ihnen beschriebenen Passiv-Druck nicht mehr ausüben, richtig? Trotzdem würde aber das Problem bestehen bleiben, dass diese Gelder nicht mehr zur Tilgung der entsprechenden Schulden verwandt werden könnten, oder?

            Vielen Dank für die äußerst aufschlussreiche Diskussion,

          • Verschwinden tut auch das Bargeld nicht aus den Bankbilanzen – zumindest nicht vollständig. Denn wie kommt es in Umlauf? Indem eine Geschäftsbank einen Kredit bei der Zentralbank aufnimmt und sich diesen in Bargeld auszahlen lässt. Reicht die Geschäftsbank das Bargeld dann an Kunden weiter (durch Abhebung), bleibt ihr Kredit bei der Notenbank davon unberührt. Das heißt, indirekt lebt auch das Bargeld auf der Passiseite der Geschäftsbanken weiter – im Prinzip so lange, bis die Kunden das Bargeld wieder einzahlen und die Geschäftsbank damit den Kredit bei der Notenbank tilgen kann.

            Und sofern der Kredit bei der Notenbank verzinst ist, erzeugt er damit auch eine Art Wachstumsdruck, der von der Passivseite der Bankbikanz kommt. Die Bank muss die Zinsen schließlich wieder verdienen. Genau dies ist auch ein Grund dafür, warum die Banken das Bargeld nicht mögen. Es verursacht ihnen zu hohe Kosten.

            Dies gilt zumindest für normale Zeiten. In Zeiten der quantitativen Lockerung kann Bargeld allerdings auch durch Aufkauf von Vermögenswerten durch die Notenbank in Umlauf kommen.

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