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Eine Frage der Nachhaltigkeit

24. Mai 2013 von in Allgemein | Keine Kommentare

Immer wieder wird mir die Frage gestellt, wann ich denn den Ausbruch des DAX (oder des S&P 500) als nachhaltig ansehen würde. Und immer wieder warne ich davor, in dieser Frage allzu voreilig zu urteilen und allzu starren Regeln zu folgen. Toni Biller zum Beispiel meint, die alten Hochs seien zu mehr als 3% überschritten, folglich sei das für ihn „ein nachhaltiger Aufbruch in neue Höhen“. Und tatsächlich ist die 3%-Regel in manchen Chartlehrbüchern nachzulesen, allerdings wird in diesem Zusammenhang meistens der Begriff „signifikant“ gebraucht. Ich sage deshalb: Ein Ausbruch mag durchaus „signifikant“ sein, damit ist er aber nicht zwangsläufig auch „nachhaltig“.

Klar ist, dass man die Nachhaltigkeitsfrage immer erst sehr lange im Nachhinein mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten kann. Denn schließlich können immer noch Ereignisse eintreten, die einen als nachhaltig eingestuften Ausbruch wieder zunichte machen. Dies gilt selbstverständlich auch für mich. Und deshalb versuche ich, erst dann ein Urteil darüber zu fällen, wenn die Wahrscheinlichkeit, vom Gegenteil überrascht zu werden, aus meiner Sicht auf ein vertretbares Restrisiko geschrumpft ist.

Wie weit die Unsicherheit dabei gehen kann, zeigt ein eindrucksvolles Beispiel aus der Vergangenheit: In meiner Kolumne vom 8. März (http://www.teleboerse.de/kolumnen/kolumnen_brichta/Dax-am-Ziel-jetzt-Sturzgefahr-article10253136.html) hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass sich Börsen in langfristigen Zyklen bewegen und dass die Marktentwicklung seit Anfang 2000 durchaus mit der Zeitspanne der 60er und 70er Jahre vergleichbar ist. Damals „verschnaufte“ die Börse nach einem vorangegangenen Aufschwung genauso, wie sie das in den vergangenen 13 Jahren getan hat. Als die Kurse dann aber Anfang der 80er Jahre nachhaltig über die alten Höchststände ausbrachen, war der Startschuss gefallen für den nächsten langfristigen Bullenmarkt, der fast zwei Jahrzehnte dauerte. Über nicht mehr und nicht weniger reden wir also, wenn wir versuchen, den gegenwärtigen Ausbruch als nachhaltig oder nicht nachhaltig einzustufen.

Schon die Dimensionen und die Zeiträume, um die es dabei geht, verbieten hier allzu schnelle Schlüsse. Dies umso mehr, wenn man einen Blick auf den unten stehenden DAX-Chart wirft. Er stammt vom Börsendatenlieferanten VWD, dem ich mich seit jeher eng verbunden fühle, weil dort meine journalistische Laufbahn Ende der 70er Jahre begann (damals war VWD auch noch eine Nachrichtenagentur). Der Chart zeigt den DAX-Verlauf von Anfang 1968 bis Ende 1970. Zwar gab es den DAX zu dieser Zeit noch gar nicht, aber anhand von Vergangenheitsdaten ließ er sich exakt zurückberechnen.

Wichtig zu wissen: Bis dahin – und auch danach – war für den DAX beim Stand von etwa 600 Punkten nach oben immer Schluss. In dieser Hinsicht entsprach die 600er Marke also der heutigen ‚8000er plus‘, die in den letzten 13 Jahren trotz mehrfacher Anläufe nicht geknackt werden konnte. Es gab allerdings eine Ausnahme im Jahr 1969, die im Chart deutlich zu erkennn ist. In jenem Jahr durchstieß der DAX die 600er Grenze sogar zweimal und kletterte in der Spitze bis 660 – also um zehn Prozent -, nur um anschließend wieder darunter zu fallen und den vermeintlichen Ausbruch zum Fehlsignal werden zu lassen. Danach fiel er bis auf 450 Punkte, also um gut 30 % von der Spitze. Der ganze Ausbruchsspuk dauerte damals übrigens drei bis vier Monate.

Damit will ich keinesfalls behaupten, dass es dieses Mal wieder so kommt. Ich will nur deutlich machen, dass all diejenigen, die den Ausbruch schon jetzt feiern, etwas voreilig sind. Lassen Sie uns lieber gemeinsam in aller Ruhe den Verlauf der nächsten Monate beobachten, um anschließend eine fundiertere Einschätzung treffen zu können, meint Ihr

Raimund Brichta

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