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Gepostet by on Juni 13, 2017 in Gastbeitrag | 17 Kommentare

Die Ursachen des Geldwachstums

Sehr geehrter Herr Brichta,

dem Lob einiger Ihrer Leser über Ihr Buch „Die Wahrheit über Geld“ möchte ich mich anschließen. Das Buch habe ich inzwischen 2 Mal gelesen und es hat mir einige sehr wichtige Erkenntnisse über das existierende Geld- und Wirtschafssystem gebracht. Wirtschaftsnachrichten interpretiere ich inzwischen aus einem neuen Blickwinkel. Mir ist klar geworden, dass die „Mutter aller Finanz- und Vermögensblasen“ unser Geldsystem ist. Ihr Buch ist didaktisch sehr gut aufgebaut, die wesentlichen Zusammenhänge werden auch für Laien verständlich dargestellt und logisch hergeleitet.

Im Grunde kann ich den Kernaussagen Ihres Buches zustimmen. In der Einschätzung bestimmter Sachverhalte, habe ich jedoch teilweise eine abweichende Meinung, die ich Ihnen gerne darstellen möchte.

An vielen Stellen Ihres Buches und auch in mehreren Beiträgen Ihres Blogs nennen Sie 2 Ursachen für den Wachstumszwang des Geldsystems: (1) Das Bestreben nach Vermögensbildung und die damit verbundene Geldhortung (2) Die Geldschöpfung in Form von Krediten, die mit Zinsen belegt werden (Zinseszins). Wenn ich Sie korrekt verstehe, betrachten Sie die Geldhortung als den wesentlichen Faktor für den Wachstumszwang der Geld- und Schuldenmenge. Dieser Gewichtung der Ursachen für das Geldwachstum kann ich nicht zustimmen. Nach meiner Einschätzung ist der Zinseszins der eigentliche Motor, während die Folgen durch das Horten von Geld mittelfristig vernachlässigbar und beherrschbar sind. Das möchte ich begründen.

Nehmen wir an Geld würde nicht gehortet werden und es würde permanent dem Wirtschaftskreislauf zugeführt werden. Das heißt, die Ursache (1) für Geldwachstum würde nicht bestehen. Selbst dann hätte man zwingend ein exponentielles Wachstum der Geldmenge, denn für jede Geldschöpfung durch Kreditvergabe, muss der Kreditnehmer in der Zukunft den Kredit plus Zinsen zurückzahlen. Das heißt, der Kreditnehmer muss eine größere Geldmenge an die Bank zurückbezahlen als durch die Kreditvergabe geschöpft wurde. Damit eine ausreichende Geldmenge zur Tilgung plus Zinszahlung zur Verfügung steht, muss rechtzeitig weiteres Geld geschöpft werden. Dies geschieht wiederum in Form eines verzinsten Kredites. Das erzeugt wiederum den Zwang einer weiteren Geldschöpfung. Der Schneeball rollt….

Nehmen wir jetzt an, der Zins bei der Kreditvergabe wäre 0 (was heute fast Realität ist). Ich stimme zu, dass das Bestreben nach Geldhortung ebenfalls die Schöpfung weiterer Geldmengen nach sich ziehen würde. Jedoch ist dieses Wachstum nicht exponentiell sondern in extremsten Fall linear. Weiterhin könnte der Staat durch Steuern gehortetes Vermögen teilweise umverteilen und es Menschen geben, die es ausgeben und dem Wirtschaftskreislauf wieder zuführen würden. Das bedeutet, der Staat könnte die lineare Wachstumskurve nochmals signifikant abflachen. In solch einem Szenario würden die Menschen für den Vermögensaufbau in alternative Vermögenswerte flüchten, zum Beispiel in Aktien. Dadurch würde das Geld dem Wirtschaftskreislauf vermehrt zur Verfügung stehen und die Geldhortung würde sich weiter verlangsamen. Im Vergleich zum exponentiellen Wachstum, welches durch den Zinseszins verursacht wird, ist das Geldmengenwachstum, welches durch die Geldhortung entsteht, aufgrund der geringen Wachstumsgeschwindigkeit in mittleren Zeiträumen vernachlässigbar.

Für mich ist die „Mutter aller Finanz- und Vermögensblasen“ ausschließlich der Zins, welcher den Schneeball nährt.

Weiterhin möchte ich einen Hinweis zum Kapitel Ihres Buches “Weitermachen oder therapieren?“ geben, in welchem Sie Vorschläge über alternativen Geldsysteme vorstellen. Sie beschreiben die Alternativen „Vollgeld“, „Schwundgeld“ und „Goldgeld“. Das Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ von Thomas Meyer beschreibt eine weitere Alternative, welche er als „Aktivgeld“ bezeichnet. Eine bemerkenswerte Aussage von Thomas Meyer ist, dass eine Transformation vom aktuellen Geldsystem in ein Aktiv-Geldsystem ohne Währungsreform und ohne Vernichtung von Geldvermögen in einem evolutionären Prozess möglich wäre.

Wenn ein renommierter Wirtschaftsexperte wie Thomas Meier solch eine Transformation des Geldsystems für möglich hält, dann frage ich mich, warum macht man es nicht einfach? Diese Frage diskutiert Thomas Meier ebenfalls in seinem Buch.

Wir sitzen in einem Schnellzug und rasen mit einer wahnsinnigen Beschleunigung auf einen Abgrund zu. Die Notenbanken und Regierungen versuchen lediglich die Zunahme der Beschleunigung zu verringern und hoffen den Absturz solange zu verzögern, dass es sie selbst nicht mehr trifft. Man könnte auch versuchen den Schnellzug umzulenken…

Mit netten Grüßen
A. Papapostolou

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Gepostet by on Mai 28, 2017 in Gastbeitrag | 1 Kommentar

Gratulation zu diesem Buch

Sehr geehrter Herr Brichta,
hiermit möchte ich Ihnen ein kleines Feedback zu Ihrem Buch „Die Wahrheit über Geld“ geben.

Ich möchte Ihnen und Ihrem Kollegen zuerst einmal zu diesem Buch gratulieren, es ist eine der Finanzlektüren, die einen im täglichen Rätseln über die Zusammenhänge in unserem Geldsystem weiterbringen.

In den ersten Abschnitten zeigen Sie (wenn ich Sie schreibe, meine ich auch Ihren Kollegen) anschaulich und Stück für Stück die jeweiligen notwendigen Buchungsvorgänge auf, damit auch ein nicht fachkundiger Leser nachvollziehen kann, wie das Geld auf die Welt kommt und wie es wieder verschwindet. Ich habe mir die Mühe gemacht und mein verstaubtes Rechnungswesen-Buch nochmals aus dem Keller geholt, welches ich Mitte der 90er Jahre während meiner Banklehre zur Verfügung hatte. Das Nachvollziehen der Buchungssätze bzw. der Bilanzierungen (Sie haben die Buchungsvorgänge gleich direkt in der Bilanz aktiviert bzw. passiviert) war für mich eine wohltuende Auffrischung.

Wenn der Leser es verstanden hat, wie das Geld kommt und wie es wieder geht, dann ist die Basis für die von Ihnen sehr gut vermittelten Hauptprobleme unseres Geldsystems gelegt.

Die drei Hauptprobleme (Leichtigkeit der Geldherstellung, systembedingter Wachstumsdruck des Geldes und damit der Schulden und Vermögen und das mit Ihren Worten beschriebene Bruchteil- Bankengeschäft) kann man anschaulicher und besser nicht mehr beschreiben. In keiner anderen Fachliteratur habe ich es bisher in ähnlich guter Qualität nachvollziehen können.

Jetzt muss ich sagen, dass ich das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt habe (Banklehre inkl. berufsbegleitendem Studium zum Dipl. Betriebswirt (FH) mit Fachrichtung Bankwirtschaft) und nach meiner Zeit bei der Bank auch sieben Jahre für einen US-Hedgefonds in der Kreditabwicklung tätig war. Und genau vor diesem Hintergrund habe ich auch immer die Probleme gesehen, die Sie in Ihrem Buch „nur“ als Symptome werten.

Man neigt einfach dazu, nicht das Geldsystem als solches zu betrachten, sondern die Probleme – sagen wir mal – betriebswirtschaftlich anzugehen. Nach dem Motto, wenn man nur solide genug wirtschaftet, dann gibt es keine bzw. weniger Probleme mit unserem Finanzsystem.

Latent war mir zwar immer klar, dass in unserer Welt ein extremes Ungleichgewicht der Schulden und Vermögen besteht (was die Schulden der großen Masse sind, ist das Vermögen der wenigen Reichen), dass aber genau hierin einer der Grundübel für das Geldsystem steckt, ist mir erst wirklich durch Ihr Buch bewusst geworden. Das „stillgelegte“ Geld sowie der Zins- und Zinseszins, machen es notwendig, auf Teufel komm raus neue Schuldner zu erfinden. Und wenn sich keine Passenden mehr finden lassen, dann muss (und die Betonung liegt auf muss) das System sich eben mit schlechten Schuldnern arrangieren, will es nicht zusammenbrechen.

Über diesen Schatten der Gedanken muss man als ehemaliger Kreditsanierer einer Kreditabteilung der Bank erst einmal springen. Das ist mir aber gelungen und dafür möchte ich Ihnen danken.

Auch finde ich es ganz toll, dass Sie sich gezielt nicht auf Zitate oder Thesen von „Autoritäten“ beziehen, sondern Ihre Gedanken und Erklärungen vollständig selber erarbeitet haben. Das ist ein weiterer nennenswerter Unterschied zu den restlichen Fachbüchern. Da merkt man, dass es Ihnen um die Sache geht und Sie mit Herzblut dabei sind.

Wann es tatsächlich zu einem unvermeidbaren Zusammenbruch des Geldsystems kommt, kann niemand vorhersagen. Über die Tatsache, ob es am Ende zu einem großen Finale kommt oder der große Showdown aus diversen Gründen ausbleibt, gehen die Meinungen auseinander. Hier gibt es

viele Ansätze, die alle zutreffen können oder auch nicht. Auch das haben Sie zutreffend beschrieben und nicht den Eindruck vermittelt, es gebe eine einfache Lösung für dieses ultra-komplexe Geldsystem.

Letztlich ist es auf jeden Fall wert, sich über dieses Thema in Zukunft viele und noch mehr Gedanken zu machen, um vielleicht doch irgendwann in der Zukunft positive Korrekturen vornehmen zu können. Ich jedenfalls habe mir vor ein paar Tagen aufgrund Ihres Buches weitere Literatur bestellt (Prof. BinswangerVollgeldreform, Thomas Mayer und Roman HuberVollgeld), um mich mit den möglichen Alternativen auseinanderzusetzen (auch wenn ich spontan schon viele Nachteile eines Vollgeldsystems im Kopf habe, möchte ich es genau wissen). Und mit Alternativen meine ich nicht nur das Vollgeld oder der fast schon inflationär erwähnte Goldstandard.

Auf weiterhin spannende Auseinandersetzungen!

Grüße

Rainer Kraushaar

p. s.: Ich hätte für Sie zwei kleine Korrekturvorschläge, die Sie ggf. bei einer Neuauflage beachten können.

Seite 45 bis 49 („Wozu Banken Einlagen brauchen“) habe ich einen kleinen Verbesserungsvorschlag für Sie.

Sie stellen die Gründe, warum Banken die Spareinlagen von Nichtbanken einwerben wie folgt dar:

– um an Zentralbankgeld zu kommen

– um die Fristenabstimmung in der Bilanz vorzunehmen

Bei der Begründung, warum die Geschäftsbank Zentralbankgeld benötigt, haben Sie unter dem Stichwort „um den Zahlungsverkehr etc. zu sichern“ indirekt das Liquiditätsrisiko angesprochen. Damit haben Sie das allgemeine Liquiditätsrisiko als Risikofaktor genannt.

Allerdings erklären Sie die Fristenabstimmung erneut und ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Liquiditätsrisikos. Da liegen Sie m. E. nicht richtig bzw. bedarf es einer Ergänzung. Das Risiko der Fristentransformation liegt im Bereich des Zinsänderungsrisikos.

Zusammenfassend sind die Gründe für das Beschaffen von Zentralbankgeld:

o Das Liquiditätsrisiko zu minimieren (die Refinanzierung sicherzustellen)

o Das Zinsänderungsrisiko zu minimieren (Fristentransformation)
Die unterschiedlichen Zinssätze aus den unterschiedlichen Fristen sprechen Sie auf Seite 47 zwar an,

aber ausschließlich positiv, als Chance der Banken.

Wenn die kurzfristigen Zinsen steigen und die Aktiva aber durch langfristige Darlehensverträge fixiert ist, dann kann es passieren, dass die Margen negativ werden (die Bank zahlt höhere Zinsen als sie bekommt). Und zwar auch dann, wenn die Bank ohne Probleme die Refinanzierung sicherstellen kann, also gar kein Liquiditätsproblem hat. Beim Liquiditätsrisiko durch ausbleibende Refinanzierungsmöglichkeiten z. B. via Kundeneinlagen (=Zentralbankgeld) könnte die Zentralbank notfalls die Refinanzierung übernehmen. Bei strukturellen Bilanzproblemen kann die Zentralbank nicht mehr direkt eingreifen.

Ihre Folgerung des Liquiditätsrisikos aufgrund unterschiedlicher Fristen wäre richtig, wenn die Sicherung des Zentralbankgeldes noch nicht unter dem ersten Gesichtspunkt abgehandelt worden wäre, wie es eine Geschäftsbank i. d. R. generell macht. In diesem Falle würden der Fristentransformation beide Risikofaktoren zufallen, nämlich die Liquiditätssicherung als auch das Zinsänderungsrisiko (zum Beispiel bei einer Pfandbriefbank, die keinen Zahlungsverkehr anbietet).

Seite 56

Ihre Aussage: „… Dein Hauskredit wird zum Beispiel von Deiner Bank mit anderen Krediten zusammen in ein Wertpapier verpackt. Danach geht Deine Bank zur Zentralbank oder einer anderen Bank und hinterlegt dieses Wertpapier als Sicherheit für Deinen Kredit, den sie dort aufnimmt …“.

Rechtlich und wirtschaftlich findet nur ein Gläubigerwechsel statt. Die geldschöpfende Bank gibt zum einen die für sie bestellen Sicherheiten auf bzw. durch Abtretung weiter (z. B. Grundpfandrechte auf die Immobilien etc.) und erhält im Gegenzug von der aufkaufenden Bank (oder wer auch immer die Forderung kauft) die nominelle Kreditforderung (aus dem mit dem Kunden abgeschlossenen Darlehensvertrag) zzgl. einem Einmalbetrag des Käufers (= Gewinn der verkaufenden Bank).

Damit ist die ursprünglich finanzierende Bank die Forderung gegen den Kunden sowie das Kreditrisiko los. Die Bilanz ist bereinigt.

Ich bin der Meinung, dass durch Kreditverkäufe kein zusätzliches Geld geschöpft wird.

Auch bei Ihrem Beispiel der Staatsanleihe würde sich eine genauere Betrachtung lohnen. Ich würde sagen, dass Sie durch die Abtretung der Staatsanleihe nur weitere Geldschöpfung dahingehend bejahen könne, als dass Sie Buchgeld gegen Zentralbankgeld eintauschen und damit Ihre Mindestreservemöglichkeit erhöhen.

Gerne bin ich zu einer Diskussion hierüber bereit.

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Gepostet by on April 21, 2017 in Gastbeitrag | 1 Kommentar

„Sie argumentieren mit dem unscharfen Begriff Geldvermögen“

Lieber Herr Brichta,

nach unserem angenehmen Gespräch und erneutem Lesen Ihrer Stellungnahme zu meiner Kritik Ihres Buchs habe ich den Eindruck, dass wir uns oft missverstehen und aneinander vorbei reden. Das ist zum Teil die Folge der Unklarheit, Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Unvollständigkeit und Komplexität des heutigen Geldsystems. Es liegt aber auch daran, dass wir mit vielen Begriffen unterschiedliche Inhalte verbinden.

So argumentieren Sie mit dem unscharfen Begriff „Geldvermögen“ (ohne Aktien) ohne sich genau festzulegen, ob das Giralgeld und das Zentralbankbuchgeld Zahlungsmittel oder Forderungen auf Zahlungsmittel sind. Auf die ambilvalente Eigenschaft des Giral- und Buchgeldes, zugleich Zahlungsmittel und Zahlungsverpflichtung zu sein, gehen Sie sich nicht weiter ein, obgleich nach meinen Erkenntnissen genau daraus die grundlegenden Probleme und die Rechtsunsicherheit des heutigen Geldsystems resultieren.

Bei undifferenzierter Betrachtung allein des Geldvermögens statt der Summe aller Vermögenswerte (Geld, Forderungen, Aktien, Unternehmensanteile, Immobilien, Sachvermögen, Rechtsgüter u.a. abzüglich Schulden) bleibt die enge Kopplung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft unberücksichtigt. So können Geldforderungen statt durch Geld durch Übertragung oder Verkauf von Immobilien, Aktien, Gold oder anderer Sachwerte beglichen werden. Dadurch sinkt das Geldvermögen ohne dass sich der Zahlungsmittelbestand verändert. Auch Preisverfall oder Ausfälle von Wirtschafts- und Finanzgütern, mit denen Forderungen besichert sind, können zum Rückgang des Forderungsbestands und damit zu einem des Absinken des Geldvermögens führen. Beim Verkauf einer Immobilie oder anderer Sachwerte an eine Bank wird neues Giralgeld erzeugt ohne dass sich der Forderungsbestand ändert. (Eine Darlegung der zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft würde den Rahmen dieser Korrespondenz sprengen / s. Fußnote)

Daher ist auch Ihre Begründung des „Wachstumszwangs“ für mich nicht nachvollziehbar. Es ist unklar, ob sich Ihre Aussagen auf die „Geldmenge“ beziehen (M0,M1,M2 oder M3 ?), auf das „Geldvermögen“, auf das Gesamtvermögen oder auf das BSP. Offen ist auch, ob Sie einzelne Wirtschaftseinheiten, bestimmte Aggregate, wie Haushalte, Unternehmen, Banken und Staat, oder die Gesamtwirtschaft betrachten. So hat Japan in den letzten 25 Jahren nahezu ohne Inflation kein reales BSP-Wachstum gehabt, während sich die Geldmenge M3 mehr als verdoppelt hat.

Weitere unklare Begriffe sind „Zusammenbruch“ und „Zerfall des Euro“. Was stellen Sie sich darunter vor? Auch manche Ihrer Vergleiche und Metaphern, wie „Vulkan“ und „Josephspfennig“, sind irreführend und ohne Beweiskraft.

Dass ich Ihr Buch so positiv bewertet habe, liegt an den in meiner Rezension genannten Gründen. Daran ändert sich auch nichts durch Ihre Stellungnahmen zu meinen Kritikpunkten. Erfreulich ist vor allem, daß auch Sie die Einrichtung und Zulassung gesicherter Zahlungskonten („Sicherheitskonten“) für sinnvoll halten und weiter verfolgen wollen.

Lassen Sie uns damit den kontroversen Gedankenaustausch über die von mir kritisierten Punkte Ihres Buchs beenden. Vielleicht ergeben sich in Zukunft weitere Themen, wie die Sicherheitskonten, über die wir korrespondieren können.

Mit herzlichen Grüßen
Timm Gudehus

PS: Sie empfehlen mehrfach, Ihr Buch nochmals zu lesen. Das habe ich getan. Vielleicht lesen auch Sie einmal in meinem Buch „Dynamische Märkte, Grundlagen und Anwendungen der analytischen Ökonomie“. In den Kapiteln 3 „Geld und Finanzgüter“ und 19 „Neue Geldordnung“ sowie in weiteren Abschnitten werden viele der oben angesprochennen Fragen behandelt.
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Gepostet by on April 10, 2017 in Gastbeitrag | 2 Kommentare

Woher kommt der Wachstumsdruck im Geldsystem?

Hallo Herr Gudehus, hallo Herr Brichta!

Mit großem Interesse habe ich Ihre Konversation gelesen. Weiterhin freue ich mich sehr, dass Sie darin auch unsere Arbeit am Geschäftsmodell „Sicherer Zahlungsdienstleister“ erwähnt haben.

Ich habe ein paar Fragen zu Ihren Kommentaren, die ich Ihnen, Herr Brichta, und Ihnen, Herr Gudehus, gerne stellen würde, und würde mich sehr über Ihre Antworten freuen. Sie sind zum Teil auch relevant für mögliche Ausführungen in meiner Masterarbeit.

Herr Brichta: Sie schreiben, dass unser heutiges Schuldgeldsystem nur weiterlaufen kann, wenn die Geldmenge stetig steigt. Dieses Argument ist auch die Grundlage (Argument a) ) in ihrer Kette (Punkte a) bis i) ) an sehr interessanten Überlegungen zur Funktionsweise und Entwicklung unseres Geldsystems im Laufe der Zeit (Email vom 22.02.). Ich selber habe immer jenes Argument benutzt, vor allem vor dem Hintergrund der fehlenden Geldmenge für die Zinszahlungen. Mich erinnert diese Frage nun jedoch an das Sprichwort „Man sieht vor lauter Bäume den Wald nicht mehr“, da ich durch die intensive Auseinandersetzung mit vielen Fragestellungen zum Geldsystem nicht mehr klar erkennen kann, wie ich diese Frage beantworten kann. Mir fällt dazu jedoch folgendes ein:

Vor über einem Jahr habe ich in Frankfurt eine Regionalgruppe der Monetative gegründet, die sich seither regelmäßig (1-2 mal im Monat) abends trifft und über geldsystemische Fragen diskutiert. Mit dabei sind zum Beispiel Mitarbeiter in volkswirtschaftlichen Abteilungen einer Großbank, der EZB, der Börse… In jener Runde haben wir viel über den Wachstumszwang /-drang des heutigen Geldsystems durch den Zins diskutiert und kamen zum Entschluss, dass der Zins alleine keinen Wachstumszwang ausübt. Viel mehr ist es die fehlende Rückführung des Geldes in die Realwirtschaft, die in jener ein Wachstumsdruck ausübt: Häufig liest man, dass die Zinsen in der Geldmenge fehlen. Es wird jedoch vergessen, dass Banken durch Lohn-, Zins-, Dividenden-, oder Bonizahlungen auf der Passivseite der Bilanz auch Geld schöpfen. Die Zahlungen, die von Nichtbanken an Banken gerichtet werden (Zinsen, Gebühren, Provisionen,…) vernichten Geld. Dieser Vorgang wird als Ertrag in der GuV ausgewiesen, was das EK anwachsen lässt. Gleichzeitig wird aber all jenes Geld, bis auf den Anteil, den die Bank thesauriert, wieder ausgeschüttet. Nun ist natürlich die Frage, was mit diesem Geld geschieht: Wird es konsumiert? Wird es investiert? Wird es gehortet? Wird damit an den Assetmärkten spekuliert? So lange es jedenfalls nicht in die Realwirtschaft zurückfließt, fehlt es in jener um die Zinszahlungen auf die ausstehenden Kredite in der Realwirtschaft bedienen zu können. Folglich muss es Nichtbanken geben, die sich zusätzlich verschulden, um die Zinszahlungen überhaupt durch eine zusätzliche Geldmenge bedienen zu können.

Ist es die fehlende Geldmenge, die für die Zinszahlungen erforderlich sind, auf die Sie mit ihrem Argument a) hinauswollen? Wenn nicht, könnte Sie kurz ausführen, auf welche Überlegungen Sie sich stützen?

Herr Brichta: Sie schreiben auch über Ihre Überlegungen, der Gründung einer Vollgeldbank. Auf Grund den Recherchen von Herrn Holzer und mir und den Erfahrungen von Richard van der Linde, Mitbegründer der „Full Reserve Bank“ in den Niederlanden, mit dem ich vor einigen Tagen ein ausführliches Gespräch per Internettelefonie hatte, erscheint eine Umsetzung als Bank als sehr schwierig. Einfacher wäre wohl eine Lösung als Zahlungsdienstleister, vor allem in Großbritannien.

Hier ein paar Gründe:

Eine Bank zu Gründen erfordert viel Kapital, Kenntnisse und Erfahrungen. Zudem das nötige Personal.

Eine Bank muss (!) (zumindest in den Niederlanden, wobei ich davon ausgehe, dass das auch hier in Deutschland der Fall sein wird – wäre interessant herauszufinden) Kredite vergeben und damit Geld erzeugen. Dies ist Voraussetzung für die Zulassung als „Kreditinstitut“ (Bank). Dies erfordert sehr viel Personal, eine Risikoabteilung, regulatorische Vorschriften usw.

Eine Bank muss immer am Einlagensicherungsfonds teilnehmen, auch wenn alle Einlagen durch 100% Reserven gedeckt sein sollten. Auch wenn durch die 100 prozentige Deckung das Gläubigerrisiko gegebenüber der Vollgeldbank ausgeschaltet ist, wird das Risiko von anderen Banken auf die Vollgeldbank teilweise übertragen – somit besteht wieder ein Gläubigerrisiko.

Die holländische Zentralbank hat es bunq – einer neuentstehenden Bank in den Niederlanden nur erlaubt, Einlagen bis zu einer gewissen Höhe (unbekannt) zu 100% in reserven zu decken. Nachdem eine gewisse Höhe überschritten ist, muss die Bank in andere Assets investieren. Somit besteht auch hier wieder ein Markt- und Gläubigerrisiko.

Ein Zahlungsdienstleister ist von Punkt 2, 3, ggf. 4 ausgenommen. Auch Punkt 1 ist stark abgeschwächt. Wenn der Zahlungsdienstleister jedoch nicht direkten Zugang zu einem ZB-Konto erlangen kann (Wie es in GB möglich werden soll (http://positivemoney.org/2016/06/bank-of-england-uk-banks-to-lose-their-status-as-gatekeepers-to-the-payment-system/), müsste man sich jedoch womöglich über Treuhandforderungen und Verbindlichkeiten mit Kooperationsbanken die Deckung in Reserven sichern. Die Einlagen beim Zahlungsdienstleiter wären dann aktivisch durch Treuhandforderungen gedeckt. Jenen forderungen stehen passivisch in einer Bankbilanz Treuhandverbindlichkeiten in selber Höhe gegenüber, die wiederrum zu 100% in Reserven gedeckt sind.

Generell gehen wir leider jedoch davon aus, dass das Modell nicht zu gängigen Marktpreisen angeboten werden kann, da der Zahlungsverkehr stark durch andere Bereiche der Banken quersubventioniert wird. Eine Möglichkeit wäre ein Art „Versicherungsmodell“, dass großen Kunden die Möglichkeit gibt, im Falle einer Krise unverzüglich das Geld auf ein Konto bei einem sicheren Zahlungsdienstleister zu transferieren, das dann zu 100% in Reserven gedeckt ist. Durch monatliche Prämienzahlungen könnte sich der Zahlugnsdienstleister finanzieren. Dies erfordert jedoch eine sehr große Menge an Kunden, da durch die niedrigen monatlichen Zahlungen die operativen Kosten des Zahlungsdienstleisters gedeckt werden müssen. Schwierig…

Herr Gudehus: In Ihrer Mail vom 14.02. schreiben sie: „Die offizielle Begründung der Negativzinsen auf Zentralbankguthaben ist falsch, da Zentralbankbuchgeld nicht an Nichtbanken weiterverliehen oder überwiesen werden kann.“ Sie, Herr Brichta, bestätigen Herrn Gudehus in Ihrer Mail vom 22.02. daraufhin, dass auch sie die „offizielle Begründung“ für falsch halten.

Auf welche ofizielle Begründung stützen Sie sich bei dieser Aussage? Mich interessieren Passagen sehr, in denen ofizielle Stellen behaupten, dass Banken Reserven verleihen können. Auch vor dem Hintergrund von QE, lese ich häufig, dass „Experten“ behaupten würden, dass die Reserven von Banken weiterverliehen werden.

Bis auf ein Beispiel im März 2016, wo Ihr Kollege, Herr Brichta, Frank Meyer, mehrfach live in ntv während einer Pressekonferenz Draghis, in der es um die Ausweitung der QE Programme auf Unternehmensanleihen ging, sagte, dass das Ziel von QE sei, dass die Banken dieses Geld nehmen und als Kredite in die Realwirtschaft vergeben sollen, kenne ich keine Stellungnahmen, Artikel oder sonstige Aussagen von Experten, Mitarbeitern oder Sprechern von relevanten Instituten, die behaupten, das sei möglich. Wenn sie zitierfähige Beispiele (auch Artikel) haben und diese mir zusenden würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Ich freue mich sehr über weitere Beispiele!
Ich freue mich sehr über Ihre Rückmeldung und verbleibe

mit herzlichen Grüßen,

Manuel Klein

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Gepostet by on April 05, 2017 in Gastbeitrag | 3 Kommentare

Eine spannende Analyse des heutigen Geldsystems

Lieber Herr Brichta,

hier meine Rezension Ihres Buchs „Die Wahrheit über Geld“, die ich auch bei amazon eingestellt habe, sowie einige Anmerkungen und kritische Hinweise, die für Sie und Anton Voglmaier bestimmt sind.

Es würde mich freuen, wenn Sie die Korrekturvorschläge bei einer Neuauflage berücksichtigen und wenn meine Kommentare Sie zur genaueren Beschäftigung mit den vorliegenden Vorschlägen für eine neue Geldordnung anregen. Hier könnten Sie beide zur Versachlichung der Diskussion und zur Verbesserung der Lösungsvorschläge beitragen.

Ein aussichtsreicher Einstieg zum gleitenden Übergang zu einer neuen Geldordnung erscheint mir die auch von Ihnen vorgeschlagene Zulassung von sicheren Zahlungskonten mit Zentralbankbuchgeld für Nichtbanken zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Timm Gudehus

Eine spannende Analyse des heutigen Geldsystems und seiner Probleme

Trotz der schwierigen Materie gelingt es den Autoren, die Funktionsweise des heutigen Geldsystems allgemein verständlich darzustellen. Sie erläutern anhand anschaulicher Beispiele, wie Geld entsteht, in den Verkehr kommt und vernichtet wird, und zeigen, wie der bargeldlose Zahlungsverkehr mit Giralgeld funktioniert. Das von den Banken nach eigenem Ermessen in nahezu unbegrenzter Menge durch Kreditvergabe erzeugte Giralgeld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel sondern ein jederzeit fälliges Zahlungsversprechen einer Bank, das heute anstatt des gesetzlichen Geldes zur Erfüllung monetärerer Forderungen allgemein akzeptiert wird.
Die Konstruktionsfehler des heutigen Geldsystem und die daraus resultierenden Unsicherheiten, Probleme, Krisen und Gefahren für die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft werden im weiteren Verlauf des Buchs ausführlich analysiert und beschrieben. Das ist spannend zu lesen und wertvoll zu wissen. Unbeantwortet bleibt jedoch die sich aufdrängende Frage, wie eine Geldordnung gestaltet werden kann, mit der sich die in diesem Buch aufgezeigten Probleme beheben und Gefahren begrenzen lassen.

Anmerkungen und kritische Hinweise:

Bilanzierung des Geldes
Auf S. 19 steht: „Geld wird ausschließlich auf die Passivseite der Banken und Notenbanken produziert. Das gilt auch für Bargeld.“ Für das Münzgeld ist diese Aussage falsch. Der Münzgeldbestand wird nach Ankauf von einer staatlichen Münze auf der Aktivseite der Zentralbank verbucht und nach der Abgabe der Münzen aus der Bilanz ausgebucht (Gudehus 2013/2016). Anders als Banknoten, Buchgeld und Giralgeld ist das Münzgeld daher keine Forderung an eine Bank sondern ein Aktivum mit einem nominellen Wert, der durch seine Verwendbarkeit als Zahlungsmittel gegeben ist und gesetzlich gesichert wird.

Die Aktivbilanzierung des Münzgeldes ist wegen seines geringen Anteils am Zahlungsverkehr für das heutige Geldsystem von nachrangiger Bedeutung. Die zukünftige Aktivbilanzierung auch der Banknoten und des Zentralbankbuchgeldes sind jedoch zentraler Bestandteil einer Neuen Geldordnung, in der alles Giralgeld durch Zentralbankbuchgeld ersetzt wird (Gudehus 2013 und Gudehus 2016 S. 11 u. S. 27ff). Erst durch die Neubilanzierung des gesamten gesetzlichen Geldes als Aktivgeld statt wie bisher als Passivgeld werden Geld und Kredit voneinander getrennt. Daraus resultieren auch die mit der Einführung der neuen Geldordnung verbundenen einmaligen Umwandlungsgewinne und die anschließenden Geldschöpfungsgewinne der Zentralbank.

Die Neubilanzierung des Geldes ist nicht ganz einfach zu verstehen. Es lohnt sich darüber nachzudenken. Erst nach längerer Debatte, die 2013 u.a. durch zwei von mir verfasste Beiträge ausgelöst wurde, wird die Notwendigkeit einer Aktivierung des Geldes verstanden und von der Vollgeldbewegung zunehmend akzeptiert (Gudehus 2016; Huber 2013, Jackson&Dyson 2014 u.a.).

Auf der Aktivbilanzierung des Münzgeldes beruht auch der Vorschlag aus dem Jahr 2011 zur Ausgabe einer Platinmünze im Nominalwert von 1-Billion-Dollar durch die Federal Reserve Bank der USA, um mit dem daraus resultierenden Geldschöpfungsgewinn den US-Haushalt zu sanieren (s. Wikipedia „1-trillion-dollar-platinum-coin“).

Geld und Schulden
Auf S. 25 steht: „Schulden sind also notwendig um unser Wirtschaftsleben aufrechtzuerhalten. Ohne Schulden – und damit ohne Geld – bräche alles zusammen.“

Das trifft für das heutige Geldsystem zu und ist die zentrale Erklärung für viele Probleme des heutigen Geldsystems, die in dem Buch aufgezeigt werden. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Notwendigkeit, in einer neuen Geldordnung Geld und Kredit voneinander zu trennen (s. Gudehus 2016).

Zwang zum Wachstum
Auf S. 125 heißt es: „Geldmengen und Schulden sind zu dauerndem Wachstum verdammt – und genau dies werten wir als Konstruktionsschwäche unseres Geldsystems.“ Das steht im Widerspruch zu der Aussage an anderen Stellen des Buchs, dass im heutigen Geldsystem immer wieder Krisenzeiten mit extremer Geldmengenschrumpfung und Kreditausfällen vorkommen.

Charakteristisch für das heutige Geldsystem sind längere Phasen anhaltenden Geldmengen- und Kreditwachstums, die von plötzlich einsetzenden Phasen mit großer Geldmengen- und Kreditschrumpfung beendet werden. Die zentrale Ursache dieses zerstörerischen Wechselspiels ist die nahezu unbegrenzte Möglichkeit der Geschäftsbanken zur Giralgeldschöpfung, die durch den Kreditvergabewettbewerb der Banken und die Verschuldungsbereitschaft von Staat, Unternehmen und Privathaushalte immer wieder neu angeheizt wird. Das ließe sich in einer neuen Geldordnung dadurch lösen, dass Geld und Kredit voneinander getrennt werden.

Rente und Schneeballsystem
Auf. S. 128 steht: „In diesem Punkt gleicht es (unser Geldsystem) der gesetzlichen Rente, deren Finanzierung bei genauerer Betrachtung ebenfalls einen Schneeballcharakter hat.“

Das ist ein irreführender und unzutreffender Vergleich. Das umlagefinanzierte Rentensystem wird wie auch Krankenversicherungen, Haftpflichtversicherungen und Feuerversicherungen, durch laufend eingehende Beiträge finanziert, deren Höhe und Leistungen laufend dem Auszahlungsbedarf angepasst werden. Abgesehen von einer Schwankungsreserve wird aus den Beiträgen kein Kapitalstock in Höhe der diskontierten erwarteten Auszahlungen gebildet. Das ist das Versicherungsprinzip.

Auch die auf S. 128 geäußerte Vermutung, dass unser Geldsystem die Eigenschaften eines Schneeballsystems aufweist, ist unbegründet: Ein Schneeballsystem bricht zwangsläufig in sich zusammen, sobald die Teilnehmerzahl nicht mehr exponentiell ansteigt. Unser Geldsystem aber kann weiter bestehen, auch wenn keine neuen Teilnehmer hinzukommen und die Nettokreditaufnahme nicht weiter ansteigt. Es ist aus anderen Gründen instabil.

Schuldenbremse
Auf S. 132 steht: „Dabei hat die begehrte Erfindung (i.e. die Schuldenbremse) noch nicht einmal in Deutschland ihren Leistungstest erbracht.“

Die seit 2003 in der Schweiz geltende Schuldenbremse hat sich bisher durchaus bewährt und die erwartete Bremswirkung ausgelöst. Dabei sind anfangs einige Definitionsprobleme bezüglich der Messung der Neuverschuldung aufgetreten. Ohne zuvor eindeutig definierte und objektiv messbare Bezugsgrößen besteht hier die große Gefahr der Willkür und Manipulation, z.B. durch Schattenhaushalte und Ausgrenzung staatlicher Aktivitäten.

Zinseszins und Josephspfennig
Das im Kapitel „Das achte Weltwunder“ auf S. 91ff erzählte und im Anhang 5 durch Rechnungen untermalte Märchen vom Josephspfennig, der sich durch Zins und Zinseszins exponentiell vermehrt, ist spannend zu lesen und zunächst verblüffend. Es beruht jedoch auf mehreren unzutreffenden oder realitätsfernen Annahmen:

• Es gibt keine Person oder Institution, weder Bank noch Staat, die auf einen eingezahlten Geldbetrag für ewige Zeiten verlässlich Zinsen und Zinseszinsen zahlen kann. Früher oder später stellt die Institution die Zahlung ein oder sie geht unter.

• Die Eigentümer eines angesparten und verzinsten Geldbetrags verwenden ab einem bestimmten Zeitpunkt den Sparbetrag oder zumindest den laufenden Zinsertrag für den Konsum, Investitionen oder andere Zwecke. Im Todesfall verteilt sich der Sparbetrag auf Erben, die ihn ausgeben, investieren oder zur Schuldentilgung verwenden.

• Wenn eine ewige Thesaurierung von Sparbetrag, Zinsen und Zinseszinsen möglich wäre und das angesammelte Geld niemals ausgegeben wird, würde sich in einem reinen Münzgeldsystem nach längerer Zeit alles Geld der Welt bei Joseph und seinen Erben sammeln und kein Geld mehr zur weiteren Zinszahlung vorhanden sein.

• Im heutigen Kreditgeldsystem können die Zinsen solange durch Giralgeldschöpfung erzeugt werden, wie der Kontoinhaber der Zahlungsfähigkeit seiner Bank vertraut. Das Vertrauen des Kontoinhabers in die Zahlungsfähigkeit seiner Bank aber sinkt, wenn der Kontostand durch die thesaurierten Zinsen das Eigenkapital der Bank erreicht oder überschreitet. Wenn er dann die Auszahlung seines verzinsten „Josephspfennigs“ verlangt, ist die Bank zahlungsunfähig.

Das Märchen vom Josephspfennig lenkt von den eigentlichen Problemen des heutigen Geldsystems ab. Es verschleiert die Rolle des Zinses als Preis für das risikobehaftete Ausleihen von Geld und übertreibt die Auswirkungen der Zinseszinsen maßlos. Von den Reichen der Welt hat keiner einen nennenswerten Teil seines Vermögens durch Zinseszinsen erworben.

Rettung des Euro
Auf S. 160 steht: „Um den Euro zu retten gibt es nur einen Weg: heiraten oder einen Bundesstaat Europa gründen.“

Auf S. 162 heißt es dagegen: „Andererseits wird der Euro nicht so schnell im Graben landen, wie es sich die Gegner wünschen.“ Und auf S. 163 „Dazu wird es unausweichlich sein, dass die Europäische Zentralbank immer größere Tranchen der benötigten Summen übernimmt.“

Das anhaltende Erzeugen von Zentralbankbuchgeld zum Aufkauf von Staatsanleihen und zur Rettung maroder Banken ist ein bereits eingeschlagener Weg zur Rettung des Euro ohne Heirat und ohne Bundesstaat Europa. Wie dieses gigantische Experiment ausgeht, ist unbekannt. Es lässt sich geldtheoretisch unendlich lange fortsetzen, wenn die Gesellschaft bereit ist, auch negatives Eigenkapital einer Zentralbank zu akzeptieren. Verboten ist das nicht. In Chile hat es das bereits für eine längere Zeit gegeben.

Die Vorhersage auf S. 179: „Wir meinen damit, dass der Zerfall des Euro noch in diesem Jahrzehnt (soll heißen bis 2020?) beginnen wird“ ist daher gewagt.

Ein dritter Weg, den Euro zu retten ist der Übergang zu einer neuen Geldordnung mit einem Europäischen Währungsgesetz, das die grundlegenden Schwächen und Probleme unseres heutigen Geldsystems beseitigt. Die Broschüre „Neue Geldordnung“ enthält dazu Lösungsvorschläge (Gudehus 2016). Ein Weg zur neuen Geldordnung könnte die Einführung sicherer Zahlungskonten (Sicherheitskonten) auch für Nichtbanken sein, mit denen die Kontoinhaber über eigenes Zentralbankbuchgeld (Vollgeld) verfügen können.

Wie geht es weiter?
Auf S. 111 schreiben die Autoren: „Wir sind der Ansicht, dass dieses Übel (des heutigen Geldsystems) gar nicht beseitigt werden kann – zumindest nicht in der bestehenden Geldordnung.“ Auf S. 220 sagen sie: „Wir können es auch gar nichts besser machen, weil gar nicht die Voraussetzungen dafür vorliegen.“ und weiter „Ändern können wir daran auf absehbare Zeit nichts.“ Schließlich auf S. 223: „Wir handeln wie ein Arzt, der seinem Patienten verdeutlicht, dass er nach derzeitigem Stand der Forschung keine Besserung erwarten kann“. Das ist ungewöhnlich resignierend, denn es gibt diskussionswürdige Lösungsvorschläge (s.u.).

Abschließend berichten die Autoren oberflächlich über Vollgeld. Anders als bei dem ebenfalls behandelten Schwundgeld und Goldgeld handelt es sich bei dem Vorschlag von Vollgeld, d.h. von jedermann zugänglichem Zentralbankbuchgeld, um einen konsistenten und inzwischen recht weit ausgearbeiteten Vorschlag einer Neuen Geldordnung, mit der sich viele der in dem Buch angesprochenen Probleme unseres heutigen Geldsystems lösen lassen. Das Vollgeldkonzept umfasst mehr und anderes als in dem Buch berichtet und berurteilt wird. Hierüber sollten die Autoren einmal ausführlich mit Hans Christoph Binswanger sprechen, einem Pionier der Vollgeldordnung, bei dem sich die Autoren auf S. 232 ausdrücklich für Hinweise und Verbesserungsvorschläge bedanken.

Vielleicht regen die vorangehenden Anmerkungen und kritischen Hinweise die Autoren zur Lektüre der nachstehenden Bücher und Veröffentlichungen über eine Neue Geldordnung auf der Basis von Vollgeld an. Hier ist noch manches zu klären und zu verbessern.

Literaturempfehlungen
Binswanger, H. Chr., Huber J. & Mastronardi Ph. (2012); Die Vollgeld-Reform, Wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können, Edition ZE!TPUNKT, Die nächste Schweiz, Solothurn
Gudehus, T. (2013); Geldordnung, Geldschöpfung und Staatsfinanzierung, ZfW Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 62. Jg. 2013/2, S. 194-222
Gudehus, T. (2016); Neue Geldordnung, Notwendigkeit, Konzeption und Einführung, Springer-Essential, Wiesbaden
Huber, J. (2013); Monetäre Modernisierung, Zur Zukunft der Geldordnung: Vollgeld und Monetative, 3. neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Metropolis-Verlag, Marburg
Jackson A. & Dyson B. (2014); Modernising Money, Why our monetary system is broken and how it can be fixed, Positive Money, London
Seit Anfang 2017 leitet Ben Dyson bei der Bank of England, eine Arbeitsgruppe, die sich mit neuen Zahlungssystemen befasst

Dr. Timm Gudehus

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